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Stadt, Land, Fluss und viel mehr - Amazonien

Wenn es darum geht, den globalen Klimawandel einzudämmen, ist Amazonien - größtes zusammenhängendes Waldgebiet der Erde mit einer Ausdehnung von acht Millionen Quadratkilometern über neun Staaten - häufig Objekt der internationalen Debatte. Rund 20 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen sind auf Veränderungen der Landnutzung zurückzuführen, meist bedeutet dies das Abbrennen und Roden von Wäldern. In Brasilien sind die Emissionen durch Landnutzungsänderungen höher als alle anderen Emissionsarten zusammen. Da liegt es nahe, dass pfiffige Köpfe auf die Idee kamen, der schnellste und kostengünstigste Weg die Klimaziele zu erreichen, liege in der Vermeidung weiterer Rodungen.

REDD (Reduced Emissions through Deforestation and Degradation) heißt die neue Zauberformel, um die es auch bei der nächsten UN-Klimakonferenz gehen wird, die im Dezember 2009 in Kopenhagen stattfindet. Der bestehende Wald soll ökonomisch bewertet werden und sein Schutz sich damit finanziell lohnen, so die Grundidee. Über alle Details wird heftig gestritten. Soll das Geld für REDD aus einem internationalen Fonds kommen oder soll REDD in den internationalen Emissionshandel einbezogen werden? Führt letzteres nicht zu einer Reduzierung der Klimaziele in den Industrieländern? Wer soll das Geld aus dem Waldschutz erhalten, die Regierungen der Länder mit hohem Waldbestand oder die bewahrenden Nutzer des Waldes? Auch die organisierte Zivilgesellschaft ist in dieser Frage gespalten, der Dachverband der indigenen Völker des brasilianischen Amazonasgebiets (COIAB) ist im Prinzip für den REDD-Ansatz, der Dachverband der indigenen Völker Amazoniens (COICA) sieht ihn sehr kritisch.

Deutlich ist auf jeden Fall: Amazonien ist Objekt, nicht Subjekt einer internationalen Diskussion, die vor allem an technischen Fragen und nicht an sozialen Realitäten interessiert ist. Deshalb forderten COIAB und COICA auf ihrer Jahreskonferenz 2008 in Barcelona eine Beteiligung der indigenen Völker an der Ausgestaltung von REDD.

Gemeinsam mit dem Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile und Lateinamerika (FDCL) und dem brasilianischen Netzwerk FAOR (Fórum da Amazônia Oriental) bringt die ASW im September 2009 einen ausführlichen Reader zu Amazonien heraus. Unter dem Titel „Stadt, Land, Fluss und viel mehr – Amazonien“ beleuchten über 30 Fachartikel und zahlreiche Stimmen aus Amazonien die vielfältige Realität der 22 Millionen Bewohner dieser Großregion, die nicht auf ihre Funktion als „grüne Lunge der Erde“, weltweit größtes Süßwasserreservat oder Region mit der höchsten Biodiversität reduziert werden kann.

Staudammprojekte, Rinderzucht, Gewalt – die Rahmenbedingungen der ASW-Projektarbeit in Amazonien

Vier ausgewählte Artikel erscheinen vorab in dieser Ausgabe der „Solidarischen Welt“, die Themen mit direktem Bezug zu den von der ASW unterstützten Projekten vertiefen. Thilo F. Papacek geht in dem Artikel „Modernes Mittelalter - Im brasilianischen Teil Amazoniens gab es noch nie ein öffentliches Gewaltmonopol“ der Frage nach, warum es trotz entsprechender Gesetzeslage fast unmöglich ist, die illegale Landnahme und Waldzerstörung zu beenden und Schutzgebiete einzurichten. Thomas Fatheuer beschreibt in „Rindviecher essen Regenwald auf“ die immer noch aktuelle Zerstörung des Regenwaldes durch Rinderfarmen und die Bedeutung der Rinderzucht für die besonderen Schutzgebiete „Reservas Extrativistas“ (ResEx), deren Einrichtung die ASW fördert. Im Interview mit Antonia Melo von der „Stiftung Leben, Produzieren und Schützen“, die die ASW ebenfalls unterstützt, geht es um das von der Regierung Lula entschieden vorangetriebene Staudammprojekt Belo Monte, das gravierende ökologische und soziale Auswirkungen am Xingu-Fluss haben wird. Und warum indigene Interessenvertretungen und große internationale Nichtregierungsorganisationen nur vordergründig dieselben Interessen haben, erläutert der Anthropologe Mac Chapin im Interview mit Christian Russau.

In allen Artikeln wird deutlich, worum es der ASW in Amazonien geht: um Umweltschutz und die Verwirklichung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte. Denn der Schutz des Waldes funktioniert nur mit den Menschen, die in und von ihm leben.

Die Redaktion wünscht Ihnen viel Vergnügen beim Eintauchen in das vielfältige Amazonien. Wer über die Artikel in der „Solidarischen Welt“ hinaus Interesse am Thema hat, kann den Reader telefonisch oder per Email bei der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V. bestellen.


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