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ehemalige Beschneiderin

Projektinfo 196 / Westafrika

Der Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen braucht Geduld

APFG, Burkina Faso

Burkina Faso ist eines der Länder Afrikas, in dem die Praxis der Beschneidung von Mädchen noch ausgeübt wird, quer durch alle Religionen und Bevölkerungsgruppen. Mit der Beschneidung wird das Mädchen traditionell in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen. Deshalb akzeptieren auch viele Frauen die Beschneidung für sich und ihre Töchter, und Frauen arbeiten als Beschneiderinnen.

Gleichzeitig gibt es schon lange (und vielleicht schon immer) Frauen, die sich dagegen wehren. Die großen Schmerzen, die hohe Todesrate und die langfristigen Folgen sind für sie Grund genug, die Beschneidung abzulehnen.

In Burkina Faso begann der organisierte Kampf gegen die Beschneidung im Jahre 1975, dem Internationalen Frauenjahr der UNO. Damals prangerten Frauenorganisationen und Medien die Praxis erstmals an. Die APFG hat sich dieser Aufgabe seit ihrer Gründung 1992 verschrieben. Zehn Jahre später entwickelten Frauen eine nationale Kampagne zum Verbot der Beschneidung und erreichten 1996 tatsächlich ein Verbot mit hohen Strafandrohungen für die Eltern, die Beschneiderin und alle aktiv an der Beschneidung Beteiligten. Außerdem koordiniert ein nationales Komitee mit Unterstützung der Regierung Aufklärungskampagnen gegen diese Praxis.

Dennoch werden in Burkina Faso weiterhin Mädchen beschnitten, ja, aufgrund des Verbots sogar immer jüngere, denn die können sich noch weniger wehren. Kein Argument gegen das gesetzliche Verbot, meint die ASW-Partnerorganisation APFG. Aber ein Hinweis, dass Verbote, Repression und Aufklärung nicht genügen. Die APFG setzt an der Weiterentwicklung der eigenen Kultur an, um das blutige Ritual durch eine unblutige Variante zu überwinden. Ihr großer Erfolg damit ruft aber auch Neider auf den Plan.

 

Die eigene Kultur fortentwickeln

Die Frauenvereinigung APFG arbeitet in der Region Süd-West. Ihr Zentrum liegt in der Provinz Poni um die Provinzhauptstadt Gaoua, wo die Mädchenbeschneidung lange Tradition hat. Und es ist ein Landstrich, in dem noch stärker als woanders an Traditionen festgehalten wird, denn die Bewahrung der Lebensweise wurde hier als Teil des antikolonialen Widerstandes und als religiöse Pflicht gegenüber den Ahnen verstanden. Erst seit den 1970er Jahren setzte sich die Einsicht durch, dass Tradition und Fortschritt sich nicht ausschließen, und es wurden - nach der Durchführung bestimmter Rituale - Neuerungen akzeptiert. "Der Mensch setzt das Tabu, er kann es auch wieder aufheben", drückt ein Würdenträger des Dorfes Loropeni die neue Haltung aus.

Einfach brechen kann der Mensch das Tabu aber nicht, und so hat sich die APFG der Aufgabe verschrieben, das Gespräch mit den traditionellen Autoritäten zu suchen. Insbesondere ging es auch immer darum, die Denkweise der Beschneiderinnen und ihrer Kunden zur Kenntnis zu nehmen und in die Lösungsfindung einzubeziehen. In dieser Ecke des Landes kann eine Beschneiderin ihr Amt von ihrer Mutter erben. Sie wird gleichzeitig berufen von einem übernatürlichen Wesen, genannt Thil, dem sie als Beschneiderin dienen und Opfer bringen soll. Mit dem gesetzlichen Verbot der Beschneidung sehen sich diese Frauen plötzlich zwischen zwei Autoritäten eingeklemmt, der Staatsmacht, die mit Gefängnis droht, und dem Thil, der Unglück und Krankheit über sie bringen kann.

Die bloße Aufklärung über die gesundheitlichen und seelischen Folgen für die beschnittenen Mädchen hilft den Frauen aus diesem Dilemma nicht heraus. Die APFG besucht deshalb inhaftierte Beschneiderinnen im Gefängnis, diskutiert mit ihnen über die Bedeutung der Tradition und bietet ihnen Wege an, beiden Autoritäten und ihrem neuen Wissen über die Schädlichkeit ihrer traditionellen Praxis gerecht zu werden. Auf der Basis der Tradition entsteht so etwas Neues, das die individuellen Rechte von Mädchen achtet und doch das Alte nicht verdammt.

Die traditionelle Gesellschaft der Region kennt keine zentrale politische, juristische oder religiöse Autorität. Deshalb müssen die MitarbeiterInnen der APFG nicht nur jedes Dorf einzeln aufsuchen, sondern auch stets aufs Neue die bisherige rituelle Praxis ergründen und mit den DorfbewohnerInnen über deren Sinn nachdenken sowie Alternativvorschläge entwickeln. Der Beschluss, die bisherige Praxis aufzugeben, muss rituell besiegelt werden, zugehörige Gegenstände müssen entsakralisiert, unblutige Formen der Aufnahme der Mädchen in die Erwachsenenwelt gefunden werden.

 

Nichts als Barbarei und Unwissenheit?

Dieser Weg scheint anderen Organisationen im Kampf gegen die Beschneidung zu lang und mühselig, wie die APFG seit einiger Zeit beobachtet. Ausländische Organisationen, die unter anderem auch mit der deutschen GTZ zusammenarbeiten, versuchen laut APFG ihre andernorts entwickelten Konzepte im burkinischen Südosten umzusetzen, ohne Rücksicht auf lokale Traditionen und ohne bereits vorhandene lokale Organisationen zur Kenntnis zu nehmen. Diesen Organisationen scheint es vor allem um Aufträge von Geldgebern schnell sichtbare "Erfolge" zu gehen, die mithilfe standardisierter Programme umgesetzt werden. Vertreter von Dörfern geben in anderen Regionen bei größeren Festakten dieser Organisationen öffentliche Erklärungen ab, die Beschneidung beenden zu wollen. Sie erklären dabei, bislang ungebildet gewesen zu sein, nun aber gelernt zu haben, dass die Beschneidung gegen Gesundheit und Menschenrechte verstößt.

Die APFG kritisiert daran nicht nur, dass solche Deklarationen kaum etwas darüber aussagen, ob die Beschneidung auch tatsächlich beendet wird. Besonders empört die Organisation, dass die Menschen veranlasst werden, ihre Tradition in Bausch und Bogen als "rückständig" zu verurteilen und für Aufklärung von außen zu danken. Die APFG hingegen setzt darauf, dass die dörflichen Gesellschaften aus sich heraus Traditionen überprüfen und ändern können.

Dass die Arbeit der APFG nachhaltige Erfolge zeitigt, ist hingegen hinreichend bewiesen: Beschneiderinnen und traditionelle Autoritäten konnten für die Umwandlung des die Gesundheit und Unversehrtheit der Mädchen verletzenden Rituals gewonnen werden. Zehn ehemalige Beschneiderinnen arbeiten heute bei der APFG mit daran, auf der Basis der eigenen Kultur die gewollte Veränderung herbeizuführen. Allein bis Ende 2003 wurden 70 Dörfer mit rund 20.000 Personen durch die Kampagne erreicht. Mit Erfolg: Im Februar 2006 haben 33 Beschneiderinnen in einer Zeremonie in Gaoua ihre Werkzeuge dem Hochkommissar der Provinz Poni übergeben. Für ihre Arbeit ist die APFG vom burkinischen Staat und der Stadt Gaoua öffentlich geehrt worden.

Implizit hat auch die GTZ die Erfolge von APFG anerkannt. In einer Studie im Auftrag der GTZ wird nachgewiesen, dass in der Provinz Poni der Prozentsatz von Mädchen im Alter von 0-14 Jahren, die beschnitten wurden, mit 15,5 % im Vergleich zu den Nachbarprovinzen - wo er teils deutlich über 20 Prozent liegt - am geringsten ist.

Die APFG ist enttäuscht, dass ihre Erfolge nicht wahrgenommen werden und ihre lange Aufbauarbeit möglicherweise gefährdet ist. Der Kampf gegen die Beschneidung kann nur wirklich gelingen, wenn eine breite gesellschaftliche Diskussion stattfindet. Es ist falsch, die Menschen traditioneller Kulturen als Gefangene ihrer eignenen Traditionen anzusehen und ihnen ihr kulturelles Selbstbewusstsein zu nehmen. Kulturen und Traditionen können sich wandeln, das zeigt die Arbeit der APFG.

Die ASW wird die Arbeit der APFG in Gaoua weiter fördern.
Sie können uns dabei unterstützen:

Kennwort: Frauenfonds Afrika
Kenn-Nr.: 8002

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

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