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Projektinfo 207 / Brasilien

Aufbruch der indigenen Frauen

Interview mit Ceiça Feitosa Pitaguary vom Netzwerk indigener Völker des Nordostens APOINME

Ceiça Pitaguary ist seit 2007 Koordinatorin des Frauenreferats von APOINME, des Netzwerks indigener Völker im brasilianischen Nordosten. Die Dreißigjährige aus dem Volk der Pitaguary ist als eine von 11 gewählten KoordinatorInnen zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und die Außenvertretung von APOINME, zum Beispiel bei internationalen Treffen von Indigenen. Sie kommt aus einem kleinen Ort namens Santo Antonio dos Pitaguary in der Nähe der Landeshauptstadt Fortaleza im Bundesstaat Ceará, in dem ihre Familie kleinbäuerliche Landwirtschaft betreibt. Die ASW unterstützt seit rund 10 Jahren verschiedene Projekte von APOINME, aktuell wird besonders die Stärkung indigener Frauen gefördert. Das Interview führte Tina Kleiber am 23. Mai 2009.

Tina Kleiber: Welche Rolle spielen die indigenen Frauen im Netzwerk APOINME?

Beschreibung Ceiça Feitosa Pitaguary: Wir haben festgestellt, dass die indigenen Frauen auf den Treffen in den Dörfern immer in der Mehrheit sind, aber an den Entscheidungen nicht beteiligt sind. Das ist bei allen indigenen Völkern so, und auch bei APOINME. Der erste Schritt war dann, die Männer zu überzeugen, dass es wichtig ist, dass die Frauen auch mitbestimmen.

2006 fand mit einem Teil der Frauen in Salvador ein erstes Vorbereitungstreffen statt. Und 2007 haben wir dann auf einer großen Versammlung in Belo Horizonte das Frauenreferat gegründet. Zunächst ging es für die Frauen darum, sich Luft zu machen und den Ärger über den jahrzehntelangen Ausschluss loszuwerden. Nachdem wir bei APOINME das Referat für indigene Frauen eingerichtet hatten, wurde ich als Koordinatorin gewählt. Aber ich bin für weit mehr zuständig als die Repräsentation der Frauen.

Du bist neben dem Koordinator Uilton Tuxá für so ziemlich alles zuständig: Büroorganisation, die Gesamtrepräsentation und noch für die Belange der Frauen?

(Lacht) Ja, bis jetzt ja, aber das soll sich auf der nächsten Vollversammlung ändern…

War es Dein Wunsc,h Koordinatorin von APOINME zu werden?

Nein, aber eine muß es ja machen, oder? Ich habe noch drei Schwestern und zwei Brüder und es war in unserer Familie immer klar, daß wir für unsere Rechte kämpfen müssen. Und da fiel die Wahl eben auf mich. Mein Dorf fehlt mir schon sehr, aber meine Zeit als Koordinatorin ist ja begrenzt.

Was ist das dringendste Anliegen der indigenen Frauen?

Das wichtigste ist für die Frauen die Landfrage. Ohne gesicherte Landrechte haben wir keine Zukunft. Dass uns die Landrechte verweigert werden, führt zu Gewalt gegen Indigene, und die bekommen alle zu spüren. Im Land liegen unsere Wurzeln und das Land ist das Erbe, das wir unseren Kindern hinterlassen. Es ist ihre Zukunft.

Was muss getan werden, damit die Frauen innerhalb von APOINME gestärkt werden?

Vor allem müssen wir uns öfter treffen. Das ist schwierig, weil wir über Tausende von Kilometern verteilt leben und enorme Fahrtkosten haben. Aber wenn wir uns treffen, stärken wir einander den Rücken. Es ist nicht leicht, in diese Rolle der politischen Vertreterin zu schlüpfen. Wir brauchen viel Unterstützung, damit wir uns trauen, unsere Familien für eine Versammlung tagelang allein zu lassen.
Die politischen Entwicklungen sind chaotisch und oft widersprüchlich. Wir brauchen Zeit, um sie zu verstehen und zu kommunizieren, um im Dorf Informationen weiterzugeben und das Vertrauen der anderen zu gewinnen.
In einigen Regionen haben wir eine Weile Pause gemacht mit den Treffen, dort braucht es einen neuen Anlauf und Trainings für die Frauen, die bereit sind, diese Aufgabe für ihr Volk zu übernehmen.

Ende 2006 hat Präsident Lula ein Gesetz zum besseren Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt erlassen, das sogenannte Lei Maria da Penha. Sind die indigenen Frauen bereits über dieses neue Gesetz informiert?

Es ist sehr wichtig, dass das Gesetz unter indigenen Frauen bekannter wird. Die Frauen der indigenen Völker in Amazonien sind gegen das Lei Maria da Penha. Sie befürchten, dass ihre Kultur, ihre Gemeinschaft und indigene Autoritäten wie der Cacique als Oberhaupt oder der Pajé als spiritueller Führer nicht respektiert werden. Das Gesetz soll nicht gegen Indigene eingesetzt werden, aber es muß in der Praxis noch an die Situation indigener Frauen angepasst werden.

Heißt das, ihr Frauen seid staatlichen Autoritäten und besonders der Polizei gegenüber immer skeptisch? Denn häusliche Gewalt ist doch keine kulturelle Frage. Gibt es sie nicht unter Indigenen genauso wie unter Weißen?

Das ist richtig. Wir Indigenen machen sehr schlechte Erfahrungen mit der Polizei. Wir werden kriminalisiert, wir werden verhaftet, wann schützt die Polizei jemals Indigene? Aber den Frauen wird durch die Beschäftigung mit dem Lei Maria da Penha immerhin klar, dass es eine Form von Gewalt ist, betrunken nach Hause zu kommen, herumzuschreien und die Frau verbal fertigzumachen.

Gibt es denn andere Instanzen in der indigenen Gemeinschaft, die Gewaltprobleme lösen können?


Es gibt Räte für diverse Zwecke, die auch bei Gewalt in der Familie genutzt werden können. In einem Volk in Ceará wurden z.B. Seminare für Paare gemacht. Für Männer und für Frauen. Das fand ich gut, denn es reicht nicht, dass Frauen ihre Rechte kennen. Die Männer müssen sie auch kennen.

 

APOINME und die indigenen Völker im Nordosten


Nicht nur im Amazonasbecken, sondern auch im gesamten Nordosten Brasiliens leben indigene Völker. Allein das Netzwerk APOINME vertritt insgesamt 50 Völker in acht Bundesstaaten von Ceará bis Espirito Santo. Zum Volk der Pitaguary, aus dem Ceiça stammt, zählen heute noch 540 Familien mit rund 2.800 Mitgliedern. Wie bei vielen anderen indigenen Völkern des Nordostens ist durch die Vertreibungen während der Kolonialzeit ihre Sprache verlorengegangen und sie sprechen heute Portugiesisch wie ihre nicht-indigenen Nachbarn.

Das Interview mit Ceiça Pitaguary fand während des APOINME-Treffens von Delegierten aus Pernambuco und Paraíba statt. Der traditionsreiche kleine Küstenort Baia da Traição, an dem sich im Mai 2009 über 100 VertreterInnen der Xukurú, Kambiwá, Kapinawá, Atikum, Pankararu, Potiguara, Pitaguary und Truká trafen, ist in der indigenen Geschichte etwas Besonderes, denn das Land der Potiguara wurde von ihnen nie verlassen. Während in den letzten 500 Jahren fast alle Indigenen aus dem Küstengebiet vertrieben wurden, trotzen die Potiguara dieser Vertreibung bis heute. Die Potiguara haben es außerdem geschafft, eigene politische Vertreter in die Kommunalparlamente zu wählen, wodurch sie weniger der Diskriminierung ausgeliefert sind als Indigene anderer Gegenden. Bemerkenswert ist auch der relative Wohlstand in den drei Potiguara-Dörfern.

Doch auch andere indigene Völker des Nordostens haben in den 14 Jahren seit der Gründung von APOINME 1995 mit Unterstützung des Netzwerks eine ganze Reihe von Erfolgen erzielt. Das Volk der Xukuru aus dem Bundesstaat Pernambuco erreichte, dass heute fast 95% seines ursprünglichen Territoriums gekennzeichnet und damit juristisch anerkannt wurde.

Dies schützt die Xukuru allerdings nicht vor gewaltsamen Übergriffen durch bezahlte Handlanger der Landbesitzer oder vor systematischer Kriminalisierung durch die Behörden. So wurde zum Beispiel der Cacique Marquinhos Xukuru in Abwesenheit und ohne Anhörung von Zeugen zu einer absurd hohen Freiheitsstrafe verurteilt, in einem Fall, bei dem er selbst knapp einem Anschlag entging und zwei seiner Begleiter getötet wurden. Auch andere indigene Führungspersönlichkeiten werden mit willkürlichen Anklagen überzogen.

Fast zehn Jahre hat ASW die politische Arbeit von APOINME an der Basis, den Austausch auf Dorfebene, unterstützt. Nun ist APOINME so weit gewachsen - und mit dem Netzwerk auch die Unterstützung für dessen Aktivitäten - dass die ASW wieder dort fördern kann, wo Aufbruch herrscht: bei den indigenen Frauen, die sich selbst guerreiras, Kriegerinnen, nennen. „Diese Bezeichnung zeugt von Respekt und verlangt Respekt für die Frauen in unserer Geschichte“, erläutert Ceiça Pitaguary.

Die indigenen Frauen aus dem Volk der Kambiwá haben eine eigene Frauenorganisation, OGIK, gegründet, deren Logo aus einer fünfblättrigen Blüte besteht. Jedes Blütenblatt steht für ein Dorf und trägt den Namen einer guerreira, die bereits gestorben ist. Damit werden die Frauen und ihre Bedeutung für die Gemeinschaft geehrt – sei es als spirituelle Führerin oder als Hebamme. OGIK gelingt es, alle zwei Monate ein Treffen einzuberufen. Ein wichtiges Ergebnis des letzten Treffens war, dass Alkohol in den Siedlungen der Kambiwá nicht mehr verkauft werden darf.

Bitte unterstützen Sie uns weiterhin, damit indigene Frauen über die Mittel verfügen, um sich selbst für ihre Zukunft und die der indigenen Völker einzusetzen.

Kennwort: Perspektivfonds Brasilien
Kenn-Nr.: 6001

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

IBAN: DE69100205000001250700
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER

 


„Und auch die Frau in der Küche ist von großem Wert für den Kampf der indigenen Völker um ihr Land:
Wie lange meinst Du dauert eine Landbesetzung? Bis das Essen ausgeht! Die Frauen haben eine wichtige
Verantwortung, die Besetzenden mit den Vorräten so lange wie möglich bei der Stange zu halten.“
Pretinha Truká


 
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