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Interview mit Lamine
Biaye vom senegalesischen Saatgutnetzwerk ASPSP
ASPSP, der senegalesische Verband bäuerlicher Saatgutproduzenten (Association sénégalaise de producteurs de semences paysannes) führt Kleinbauern zusammen, damit diese traditionelles Saatgut und das zugehörige Wissen über seine Verwendung austauschen können. Ziel ist die Erhaltung und Verbreitung robuster, lokal angepasster westafrikanischer Kulturpflanzen und die Stärkung der Souveränität der Bauern über ihr Saatgut und damit auch über ihre Ernährung.
ASW: Mit eurer Arbeit, die ihr 2003 begonnen habt, wollt ihr zum Erhalt alter Pflanzenkulturen beitragen und die Ernährungssouveränität der Kleinbauern stärken. Wie macht ihr das konkret?
Lamine Biaye: Seit 2003 ist es unser Ziel, lokale Varianten afrikanischer Kulturpflanzen zu bewahren. Zunächst haben wir ein Verzeichnis aller Pflanzensorten nach ökologischen Zonen erarbeitet, wobei wir in drei Schritten vorgegangen sind. Als erstes haben wir alle in der jeweiligen Zone bekannten bäuerlichen Pflanzen aufgelistet. Dann haben wir die seltener werdenden Sorten erfasst und sind der Frage nachgegangen, wo sie noch zu finden sein könnten.
Wir hoffen, dass wir im Anschluss mit unserer Kampagne beginnen können, bei der wir die Bauern über die Eigenschaften der verschiedenen Sorten informieren, d.h. zum Klima, an das sie angepasst sind, an welchen Orten man sie einpflanzen kann, zu ihrem Zyklus, ihren Defiziten... Über diesen Weg wollen wir auch dafür sorgen, dass unsere Mitglieder und deren Familien zu einer Souveränität über Nahrung, Werkzeuge und Saatgut gelangen.
Aber unser grundlegendes Ziel ist, zunächst die Souveränität über das Saatgut zu erhalten. Die Frage der Ernährungssicherheit, die zur Ernährungssouveränität führt, ist der nächste Schritt. Ernährungssicherheit bedeutet nicht Ernährungssouveränität. Man kann Ernährungssicherheit haben, ohne souverän zu sein. Wenn man über Souveränität verfügt, kann man entscheiden, wie man produziert, welche Varianten man benutzt und auch wie man sich ernährt.
Zur Souveränität von Bauern gehört auch der Zugang zu Land. Verfügen die Kleinbauern Senegals über das Land, das sie bebauen?
Seit der Unabhängigkeit hat sich im Senegal ziemlich viel verändert. Es gab ein neues Bodenrecht. Die ländlichen Gemeinden haben ein Teil ihrer Rechte über das Land verloren. Aber in den meisten Fällen ist Land im Besitz von Familien, die es an ihre Mitglieder verteilen und über die Nutzung entscheiden. In einigen Regionen muss das Land bei einer Behörde beantragt werden, und man bekommt es nur unter der Voraussetzung, dass es bearbeitet wird. In unserer Region hier gehört das Land den Familien. Gegebenenfalls wird es Zugezogenen geliehen, damit diese sich ihren Lebensunterhalt sichern können.
Zurück zur Souveränität der Bauern über ihr Saatgut. Warum ist diese so wichtig?
Wir wissen, dass manche Bauern einfach auf die Wochenmärkte gehen und dort Hirse jeglicher Herkunft kaufen, zum Beispiel aus Mali oder Brasilien. Sie besorgen sich einfach Material zum säen. So können sie aber nicht sicher sein, gute Qualität zu erhalten.
Das ist zum Teil auch das Problem mit neuen Sorten, die das senegalesische Agrarforschungsinstitut ISRA (Institut Sénégalais de Recherches Agricoles) entwickelt hat. Zum Beispiel haben sie Souna 1, eine Hirsesorte, auf den Markt gebracht, die bessere Qualitäten haben soll als ältere Sorten. Aber je öfter die Bauern diese Sorte gesät haben, desto mehr erodierten die Felder. Alle zwei Jahre von diesem Saatgut und die Böden sind im dritten Jahr zerstört. Das ist Wahnsinn!
Im Gegensatz dazu wurden bei unserer Saatguterfassung in der Region Thiès sehr alte Pflanzenvarianten gefunden, die bereits fast verschwunden waren. Heute werden sie wieder vermehrt. Es werden damit sehr gute Ergebnisse erzielt. Die Region verfügt nun über sehr entwickelte Varianten. So haben die Bauern die Fähigkeit, sich zu ernähren und Saatgut auszutauschen oder zu verleihen.
Stimmt es, dass viele senegalesische Bauern, die Gemüse produzieren, Saatgut aus Frankreich oder Holland kaufen?
Ja, das stimmt. Die meisten Bauern kaufen bei den Saatgutläden, weil sie nach verbesserten Sorten suchen, um die Bedürfnisse des Marktes zu bedienen. Mitunter kaufen sie auch Hybride.
Wir bei ASPSP haben ein eigenes System entwickelt. Zunächst informieren wir über Eigenschaften der lokalen Gemüsesorten und der aus anderen afrikanischen Regionen und aus Europa. Dabei erfassen wir auch, welche Gemüsesorten wo konsumiert werden.
Bei uns ernähren sich die Menschen vor allem von Sauerampfer, Okra, Bitterer Aubergine, Chilischoten, Kartoffeln und Afrikanischem Amarant. Das sind lokale Gemüsesorten, die viele Bauern bei ASPSP produzieren und tauschen können.
Wir haben auch eine Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn in Mali oder Gambia, mit denen wir lokale Sorten austauschen. Darüber hinaus haben wir auch mit europäischen Bauern Sorten getauscht und haben dabei ländliche Tomaten aus Frankreich erhalten.
Aber wir nehmen keine Hybride. Wir benutzen keine Sorten, die sich nicht selbst reproduzieren können.
Allerdings besteht in der Region um Dakar das Problem, dass die Bauern kein lokales Saatgut mehr produzieren können. Sie besitzen keins mehr, weil sie sich lange gezwungen sahen, für die in Dakar seit der Kolonialzeit anwesenden ausländischen Händler und Militärkräfte zu produzieren. Wenn für Fremde produziert wird, muss das produziert werden, was diese kennen und vertragen. Jene Bauern beziehen ihr meist hybrides Saatgut dann direkt auf den entsprechenden Märkten. Wir warnen unsere Mitglieder davor und empfehlen die Verwendung nicht hybriden, lokalen Saatguts, das wir von anderen Bauern erhalten.
Gibt es derzeit bestimmte Pflanzen, deren Anbau ASPSP zusätzlich empfiehlt?
Es geht oft um den Nährwert. In einigen Regionen empfehle ich viel Hirse, da ihr Anbau nicht schwierig ist, sie viel Protein enthält und sehr sättigend ist. In einer anderen Region rate ich eher zum Anbau von Süßkartoffeln. Auch die lässt sich leicht anbauen und bereits nach 45 Tagen ernten. Außerdem können auch ihre Blätter verzehrt werden. Wenn es darum geht, Einkommen zu erzielen, kann ich in gewissen Regionen auch den Anbau von afrikanischem Amarant empfehlen oder die leicht handhabbare Chilischote. Beide verfügen über einen guten Marktwert.
Wer kauft afrikanisches Amarant?
In manchen Regionen kaufen Bauern afrikanisches Amarant, um Couscous zuzubereiten. Das ist sehr schmackhaft! In den Regionen von Kolda, Tambacounda oder Kedougou kann damit viel Geld verdient werden.
Unsere Empfehlungen hängen also immer von der Region ab. Die Kulturpflanzen müssen stets an die lokalen Ernährungsgewohnheiten angepasst sein. Maniok wird in Senegal nicht viel konsumiert. Wir verarbeiten es in der Sauce zur Streckung. Das in der Elfenbeinküste anders. Deshalb habe ich Maniok nicht oft empfohlen. Außerdem werden die Böden durch seinen Anbau geschädigt. Wenn überhaupt, dann rate ich zu einem sehr begrenzten Anbau von Maniok, weil die Böden in Senegal sehr exponiert sind und man sie gut pflegen und schützen muss.
Wie verhält es sich mit Hirse?
Es gibt unterschiedliche Sorten. Eine davon wird bereits nach einem Tag geerntet. Andere brauchen 80 bis 90 Tage. Das einzige Problem ist, dass Hirse schwierig zu bearbeiten ist. Die Pflanzen aus der Erde zu ziehen fällt den Frauen schwer. Außerdem sind ihre Körner sehr klein und nicht leicht zu schälen. Hirse beansprucht viel Zeit. Allerdings wurde gerade eine Schälmaschine erfunden, die bereits in einigen Anbaugebieten benutzt wird.
Gut an Hirse ist, dass sie auf den ärmsten Böden wächst und dass ihr Anbau keine Düngemittel erfordert, nicht einmal biologischen Dung.
Was sind die größten Erfolge von ASPSP, seitdem ihr eure Arbeit begonnen habt? Welche Niederlagen gab es?
Ein großer Erfolg ist, dass wir es geschafft haben, den Bauern um uns herum ein Bewusstsein für die Rolle des Saatguts im Senegal und in der Welt zu verschaffen. Seit unserer Saatgutmesse 2009, zu der zahlreiche Delegationen aus Nachbarstaaten gekommen waren, ist das Thema Saatgut auch in anderen afrikanischen Ländern präsent. Einige Bauern haben schon ihren Anbau verändert.
Ein Misserfolg ist, dass wir einige Bauern noch nicht dazu gebracht haben auf chemische Düngemittel und Herbizide zu verzichten, obwohl sie bereits lokales Saatgut benutzen. Der Rückgang des Einsatzes von Chemie erfolgt eher zögerlich. Sie verstehen das Problem, sind aber immer noch in diesem Produktionsmodus gefangen.
Verändert der Einsatz chemischer Produkte die Qualität des Saatguts?
Ich habe dazu keine Forschungsergebnisse parat, aber aus ideeller Sicht würde ich das schon bejahen. Denn Chemie verändert und denaturalisiert. Je mehr von einem Fremdstoff die Sorte aufnimmt, desto stärker verändert sie sich, ihr Verhalten sowie die sie umgebende Vegetation.
Sie verliert auch ihre Widerstandskraft, wenn sie sich nicht selbst gegen Schädlinge verteidigen muss. Sie muss dann stets mit diesen Mitteln versorgt werden.
Das Interview führte Michael Franke am 20.02.2010 in Thiès, Senegal
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