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Projektinfo 199 / Westafrika

Eine Messe für traditionelles Saatgut

Das Saatgutnetzwerk ASPSP stärkt die bäuerliche Autonomie und fördert die Ernährungssicherheit

 

Ende März bekam der kleine Ort Djimini in der Provinz Casamance für einige Tage internationales Flair. Aus allen Landesteilen des Senegal sowie aus den Nachbar-ländern Mali, Gambia und Guinea-Bissau waren rund 100 Bäuerinnen und Bauern angereist, um traditionelle Nutzpflanzen ihrer Region zu präsentieren und über die Eigenarten ihres Anbaus zu informieren. Kontakte wurden geknüpft und das Saatgut wurde direkt getauscht. Hier im fruchtbaren Süden des Senegal lassen sich noch viele alte Sorten finden, die im Norden dem Anbau von Baumwolle, Erdnuss oder Sesam weichen mussten und die dort seit langem verschwunden sind.

Bei der Eröffnung der Saatgutmesse, die die Senegalesische Vereinigung der Pro-duzenten bäuerlichen Saatguts (ASPSP) organisiert hatte, waren 19 Bauernorgani-sationen vertreten. Auch ein staatlicher Repräsentant der Region war gekommen. Danach wurde an den Ständen lebhaft diskutiert, eine Trommelgruppe sorgte für mu-sikalische Unterhaltung und am Abend führten Jugendliche ein Theaterstück auf, das die Bedeutung traditioneller Pflanzen für alle erfahrbar machte. Die Dorfbewohner ließen es bei der Bewirtung ihrer Gäste an nichts fehlen. Sie hatten für das Treffen sogar einen Stier geschlachtet.

Die Besucher der Messe hatten reichlich Gelegenheit, Eindrücke und Informationen zu sammeln. Sie konnten sich davon überzeugen, dass lokal angepasste Pflanzen eine große Widerstandsfähigkeit besitzen, denn unter den zahlreichen Hirsesorten fand sich z.B. eine, deren Anbau sich bis in die 30er Jahre zurück verfolgen lässt. Eine Bauernfamilie aus der Gegend von Mekhé hat die Hirse im Wissen um ihren Wert über alle Hungerperioden hinwegretten können.

Je nach Beschaffenheit der Böden zuhause konnten die Messebesucher auch zwi-schen 30 verschiedenen Reissorten wählen. Präsentiert wurden sowohl spät- wie früh reifende Sorten oder auch solche Arten, die auf kargen oder leicht salzhaltigen Böden gut gedeihen. Neben Sorghum, Mais oder Fonio wurden auch Gemüsesorten in reichhaltiger Auswahl vorgestellt: Tomaten in allen Farben, süße wie bittere Au-berginenarten oder verschiedenste Gurkensorten. Einer der Aussteller bot eine alte Erbsensorte an (pois bambara), die aus seiner Herkunftsregion schon lange ver-schwunden war. Die Samenkörner hatte er einst von einer Reise mitgebracht - heute kultiviert er die Pflanze, deren aromatischer

 

Fruchtgeschmack an Erdnuss erinnert. Die Vertreterin einer senegalesischen Landfraueninitiative möchte seinem Beispiel folgen. Sie entdeckte auf der Messe überraschend eine alte Kürbisvariante, die we-nig Wasser benötigt und die sie noch aus ihrer Kindheit kannte: "Unsere Mütter koch-ten den beref in Sauce, doch heute findet man ihn in unserer Gegend nicht mehr". Mit einem großen Päckchen Kürbiskerne wird sie von Djimini nach Hause zurück kehren und dieses Gemüse in ihrem Dorf wieder heimisch werden lassen.

 

Die Illusion der Produktivitätssteigerung durch industriell erzeugtes Saatgut

Warum setzt sich der ASW-Partner ASPSP so stark für die Wiederverbreitung alter Pflanzensorten ein?
Ein Grund ist die wachsende Verarmung unter den senegalesischen Kleinbauern. Die hatten sich vom Einsatz industriellen Saatguts einst bessere Ernteerträge erhofft. Doch ihre Rechnung ging nicht auf, denn die aus den USA oder der EU stammenden Pflanzensorten sind meist Hybride, aus denen sich keine Körner für die nächste Aus-saat gewinnen lassen. Die Bauern sind also gezwungen, nach jeder Ernte erneut Saatgut einzukaufen.
Darüber hinaus sind viele der Getreide- und Gemüsesorten, die in den gemäßigten Zonen der Welt gute Ernten bringen, im Sahel durch Schädlinge oder Krankheiten gefährdet. So entstehen den Bauern zusätzliche Kosten für den Kauf von Pestiziden oder Herbiziden. Die Landwirte behandeln die Nutzpflanzen häufig mit dem günstigs-ten Pestizid, das sie auf dem Markt finden. So kommt es vor, dass sie aus Unwis-senheit ein Baumwollpestizid auf Gemüse spritzen, das dann zwangsläufig ohne die gewünschte Wirkung bleibt. Aus ökonomischen Gründen werden die chemischen Mittel auch unterdosiert. Eine Resistenzbildung bei den Schädlingen ist die Folge.
So können unangepasste Agrartechniken ebenfalls zu massiven Ernteausfällen füh-ren, was die Kleinbauern immer stärker in die Verschuldung treibt. Ihr wirtschaftlicher Ruin verstärkt wiederum die Abhängigkeit Senegals von Getreideimporten. Die Ei-genversorgung des Landes ist schon jetzt unzureichend.
Dass Staatspräsident Abdoulaye Wade das Land zu einem Vorreiter für die Produkti-on von Agrarkraftstoffen machen will, klingt vor diesem Hintergrund fast zynisch. Eine Fabrik für Agrarkraftstoffe ist bereits im Bau und auf Versuchsfeldern wird der Anbau von Raps als Rohstoff für die Dieselproduktion erprobt. So wird die ohnehin schon eingeschränkte landwirtschaftliche Nutzfläche für ein fragwürdiges Industrieanliegen reserviert - zum Nachteil der Bevölkerung besonders auf dem Land. Inwieweit dabei auch genveränderte Nutzpflanzen verwendet werden, lässt sich bis jetzt nicht genau abschätzen.

Traditionelles Saatgut - kulturelles Erbe mit Zukunft

Die Saatgutvereinigung ASPSP versucht diesen Entwicklungen durch einen Rückgriff auf die traditionellen Pflanzensorten entgegenzusteuern. Sie hat sich zum Ziel ge-setzt, die alten Saatgutsorten unter den Landwirten bekannter zu machen und durch die Verbreitung der Pflanzen sowohl das wirtschaftliche Überleben vieler Bauernfami-lien als auch ihre Ernährung hinreichend zu sichern. Die Aktivisten haben erkannt welche Chancen traditionelle Sorten bieten, wenn man sie entsprechend pflegt. Nicht nur auf der Saatgutmesse, auch über Radiosendungen und einen Infobrief versucht ASPSP möglichst viele Menschen zu erreichen und dieses Wissen zu vermitteln. Auch wenn zu ihrer Zielgruppe ebenfalls die Verantwortlichen in Agrarpolitik, -wirtschaft und -forschung zählen - ihr größtes Engagement gilt den senegalesischen Bauern. Sie könnten von dem Anbau standortgerechter Pflanzensorten profitieren, denn der konkrete ökonomische Nutzen ist nicht zu unterschätzen:

· Da die Landwirtschaft für viele Familien die einzige Einkommensquelle ist, bedeu-tet der zwar geringe aber stabile Ertrag heimischer Sorten für sie eine größere Ernährungssicherheit. Bei industriellen Sorten besteht die Gefahr, dass die Ernte in einem Jahr hochproduktiv ausfällt, in einem Jahr ohne ausreichende Nieder-schläge aber ganz ausbleibt.
· Mit der Ernte sind die Samen für die nächste Aussaat sofort verfügbar, ohne dass ein Kredit aufgenommen werden muss. Dadurch werden die Bauern autonom.
· Anders als bei industriellem Saatgut muss kein chemischer Dünger, sondern kann organisches Material verwendet werden, das entweder günstig zu kaufen oder sogar kostenlos zu bekommen ist.

Neben ihrem Beitrag zum Erhalt der Biodiversität liegen die Hauptaktivitäten von ASPSP deshalb in der Information und Beratung der Kleinbäuerinnen und -bauern. Diese haben ein Recht darauf zu erfahren, wie sie durch geeignete Agrartechniken (z.B. Fruchtfolgen) auch bei traditionellem Anbau die Erträge um bis zu 200% stei-gern können oder aber welche irreversiblen Konsequenzen die Einführung gentech-nisch veränderter Pflanzen für die Landwirtschaft mit sich bringt.

Für die Fortsetzung dieser Arbeit bitten wir um Ihre Unterstützung.

Kennwort: Umweltfonds Afrika
Kenn-Nr.: 8003

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

IBAN: DE69100205000001250700
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