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Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. So gut ist er. 400 Wissenschaftler aus mehr als 90 Ländern haben vier Jahre in einem intensiven Austausch über die internationale Agrarforschung beraten und sind zu vernichtenden Urteilen gekommen. Der Weltagrarrat (IAASTD International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) ist mit seinem Bericht im April 2008 herausgekommen, und der hat eingeschlagen wie eine Bombe. Zum ersten Mal hat die Welternährungslage Schlagzeilen in der deutschen Presse gemacht. Das ist auf die Zufälligkeit zurückzuführen, dass zeitgleich mit dem Erscheinen des Berichts Hungerrevolten in 30 Ländern ausbrachen und die Welternährungskrise - ausgelöst durch die hohen Weltmarktpreise für Nahrungsmittel und Rohöl - ins Bewusstsein der Öffentlichkeit auch im Westen rückte.
Der Bericht ist gleichzusetzen mit dem IPCC, dem Weltklimaratsbericht, der ja im letzten Jahr die Welt erschütterte und die Klimafrage hoch auf die politische Agenda schob. Doch leider wird das mit dem IAASTD nicht passieren, denn kurz darauf hat der Bericht der Hunger Task Force des UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon dem IAASTD die geistige Führerschaft gestohlen. Die G-8 und alle Programme zur Bewältigung der Welternährungskrise folgen den Empfehlungen des UN-Berichts. Der IAASTD ist politisch in die Ecke gedrängt.
Umso wichtiger ist es, ihn politisch aufzuwerten. Mehr als 40 Regierungen haben ihn unterzeichnet. Aber die Bundesregierung hat sich bisher aus fadenscheinigen Gründen geweigert. Nun gilt es Druck zu machen für eine Unterzeichnung. Denn es würde sich lohnen, dafür zu kämpfen. Eine Gruppe der "Freunde des IAASTD" hat sich in Deutschland formiert und versucht sich für die Verbreitung und Akzeptanz des Berichts einzusetzen.
Kein anderes Dokument oder Konzept zur ländlichen Entwicklung kommt dem
Anliegen und den Analysen von NGOs so nahe wie dieser Bericht. Er unterscheidet
sich grundsätzlich von dem Mainstream des Denkens, etwa des Weltentwicklungsberichts
der Weltbank 2008, der den Ton zur internationalen Agrarentwicklung angeben
wollte.
Die Zielsetzung des IAASTD ist auf NGO-Fragen zugeschnitten: Was ist der Beitrag des landwirtschaftlichen Fortschritts für erstens Armuts- und Hungerbekämpfung, zweitens Verbesserung von Ernährung, Gesundheit und ländlichen Lebensbedingungen und drittens Förderung der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit. Hier wird also nicht nach Wachstum und Effizienz, nach Marktwirtschaft und Konkurrenzfähigkeit, nach Modernisierung und Produktionssteigerung gefragt, wie sonst üblich. Menschliche Ziele stehen im Vordergrund. Entsprechen feinfühlig ist auch die Analyse. Fortschritt wird stark relativiert, die Nebenwirkungen und Folgekosten werden einberechnet und es gibt keine Dogmatik, wie etwa Liberalisierung oder Kommerzialisierung.
Das Wohltuende des Berichts ist der unerschütterliche Glaube dieser Fachleute an die Entfaltungsmöglichkeiten der Genialität des menschlichen Geistes. Diese Genialität sehen die Wissenschaftler aber nicht nur bei sich und ihren Kollegen gegeben, sondern auch ganz stark bei den einfachen Menschen. Es ist das umfassendste Dokument, das indigenes, lokales, praktisches Wissen der einheimischen Bevölkerung ganz hoch bewertet und fast auf die gleiche Stufe stellt wie das der Wissenschaftler.
Diese Einschätzung kommt aus der Erkenntnis, dass es viele Landwirtschaften auf der Welt gibt, nicht nur eine einzige, moderne Landwirtschaft. Um sie zu entwickeln, muss man standortspezifisch vorgehen, damit die engen Verzahnungen zwischen Land, Kultur, Mensch und Wirtschaft nicht verloren gehen. Denn Ausgangspunkt aller Bestrebungen muss der Kleinbauer bzw. -bäuerin, der Hirte oder der handwerkliche Fischer sein. Die modernen Agrarwissenschaften aber haben nur allgemeine Lösungen anzubieten, die sich auf die potente Agrargebiete, Pflanzen und Produzentengruppen konzentrieren, meist ausgerichtet am Weltmarkt. Für die kleinen Lösungen der kleinen Leute haben sie keinen Rat. Die armen Produzenten, die verwaiste Kulturpflanze, das Kleinvieh der armen Leute, dafür hat die Wissenschaft keine Zeit und Geld. Sie ist selbst in einen Systemzusammenhang mit den reichen Strukturen verwickelt.
Das ist die Krise der Agrarwissenschaften, und damit der Welternährung, denn die Menschheit ist in Zukunft nur zu ernähren, wenn sich die Wissenschaft mit dem Wissen der Kleinbauern und Bäuerinnen verbindet.
1.) Im Zentrum steht nicht die Pflanze, sondern der Boden. Der muss verbessert
werden. Dann kommen Ertragskraft und Gesundheit der Pflanze von selbst.
2.) Dazu ist ein integriertes Bodenfruchtbarkeitsmanagement von Nöten,
in dem die inorganische Düngung nicht die entscheidende Rolle spielt.
3.) Der integrierte agrarökologische Ansatz mit bestehenden Technologien,
dem lokalen Wissen unter Einbezug der Bauern auf der Grundlage der vorhandenen
Agrarstruktur (80 % der Höfe sind kleiner als zwei Hektar) ist der Ausgangpunkt
für jede Agrarentwicklung.
4.) Die partizipatorische Forschung muss ausgebaut werden. Die Wissenschaftler
müssen sich in einen engen Dialog mit den Bauern auch und insbesondere
bei der Zieldefinition der Forschung begeben; die Ergebnisse müssen mit
den Bauern diskutiert werden.
5.) Es muss angestrebt werden, dass die Wissenssysteme in nicht-hierarchischen
Beziehungen zusammenarbeiten.
6.) Der biologische Pflanzenschutz ist wichtig und birgt viele Potenziale,
die nicht ausgeschöpft sind.
7.) Die Gentransfertechnologie spielt angesichts ihrer Biosicherheitsrisiken
und der beschränkten Kapazitäten in Afrika zur Regulierung nur eine
nachgeordnete Rolle.
8.) Die Agrarforschung bedarf einer grundlegenden Reform. Sie muss sich praxisnäher
ausrichten, interdisziplinärer und muss ihren Elfenbeinturm verlassen.
9.) Die Gemeinschaftsgüter müssen unter die Kontrolle der Gemeinden
gestellt werden.
10.) Die Landnutzungsplanung muss ausgebaut werden, damit auch Bestäuberinsekten,
Wasserhaltefähigkeit der Böden, Biomasse für Düngung,
Biodiversität usw. Rückzugsgebiete erhalten.
Nicht zimperlich geht der Bericht auch mit der Agrarpolitik der Industriestaaten um. Die Landwirtschaft Nordamerikas und Europas hatte einen großen negativen Einfluss auf die Fähigkeit der südlichen Regionen bei der Bewältigung der Nachhaltigkeit ihrer Entwicklung. Allein schon die schiere Dimension ihrer Agrarexporte und -importe, die Globalisierung der erweiterten Wertschöpfungsketten, der unreflektierte Technologietransfer, das egoistische Setzen von Welthandelsregeln hat die Fähigkeit der Völker untergraben, sich selbst zu ernähren. Die Macht der Saatgutkonzerne und Düngemittelkartelle hat die Weltagrarwirtschaft in den Griff genommen. Zur Gegenwehr müssen lokale Lösungen her, selbst wenn sie einen kurzfristigen Verzicht auf Effizienz bedeuten. Zum ersten Mal nimmt ein internationales offizielles Dokument den Begriff "Ernährungssouveränität" in den Mund.
Mit diesem Bericht haben die NGOs, die zu ländlichen Entwicklungsfragen
arbeiten, ein machtvolles Instrument in der Hand. Wir können uns auf
etwas berufen, das größer ist als unsere "kleine" Praxis
der Projekte. Der Bericht ist sowohl praktisch als auch politisch. Nutzen
wir ihn für beides. Arbeitet mit in den Versuchen, den Bericht aus der
politischen Marginalität heraus zu holen. Haltet Euch informiert über
www.agassessment-watch.org.
Rudolf Buntzel, Beauftragter für Welternährungsfragen beim Evangelischen Entwicklungsdienst EED
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