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Aktionsgemeinschaft
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Neben Arumugam Kalamani, Juniorgeschäftsführerin der wichtigsten
indischen ASW-Partnerorganisation, Centre for World Solidarity (CWS), saßen
folgende Personen auf dem Podium: Imme Scholz vom ‚Deutsches Institut
für Entwicklungspolitik',
Franz Nuscheler, Politologe und emeritierter Professor für Internationale
und vergleichende Politik, sowie Shalini Randeria, Soziologin und Professorin
am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich sowie Mitglied
des Beirates der ASW-Stiftung ‚Stiftung Solidarische Welt'.
Imme Scholz begann ihr Impulsreferat mit einer Begriffsklärung. Das
Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) nennt Indien, Brasilien,
Südafrika und weitere Länder ‚Ankerländer'. ‚Schwellenländer'
sind seiner Terminologie zufolge eher kleine wettbewerbsfähige Länder
mit einem mittleren Einkommen und guten Werten auf dem Human Development Index.
Costa Rica, Chile, und Malaysia zum Beispiel gehören zu dieser Gruppe.
Ankerländer tragen ihren Namen aufgrund ihres großen Gewichtes
in ihren Regionen und der Welt, das sich aus ihrer geographischen, demographischen
und ökonomischen Größe ergibt. Zu den Ankerländern, die
eine große Zahl an Armen beherbergen, wird neben Indien zum Beispiel
auch Nigeria gerechnet.
Auf internationalen Foren treten sie selbstbewusst auf. Sie betteln nicht
mehr darum, in den vom Norden beherrschten Institutionen vertreten zu sein
und ziehen es vor, eigene Zusammenschlüsse zu gründen.
Mit ihren ökonomischen Wachstumsraten und ihren technologischen Innovationen
treten insbesondere Indien, Brasilien und China in ernsthafte Konkurrenz zu
den westlichen Industrieländern. Für deren traditionelle Eliten
sind sie daher ein Angstfaktor, so Scholz.
Entsprechend definieren die OECD-Staaten ihre Kooperationen mit diesen Ländern
neu. Die USA etwa haben die entwicklungspolitische Kooperation mit Brasilien
eingestellt, Schweden setzt bei den Ankerländern auf so genannte Post-EZ-Arrangements.
Die Bundesrepublik hat sich noch nicht richtig festgelegt, aber der Rückzug
aus der Armutsbekämpfung ist schon eingeleitet und Kooperationen auf
neuen Feldern, wie der Klimapolitik, sind beschlossen.
Und genau hier, wo die ehemaligen EZ-Partner sich zurückziehen und sagen: Indien und vergleichbare Staaten müssen nun ihre Probleme selbst lösen, kommen auf Nichtregierungsorganisationen neue Aufgaben zu. Sie müssen die dortigen Zivilgesellschaften stärken, damit diese die Regierungen ihrer Länder "kritisch begleiten" bei ihren Aufgaben - zu denen vor allem eine gerechtere Verteilung gehört. Alle Ankerländer weisen eine extrem ungleiche Einkommensverteilung auf, und alle haben massive Defizite in der Rechtsstaatlichkeit - selbst das sich als größte Demokratie der Welt inszenierende Indien.
Dass es in dieser größten Demokratie der Welt eine erfahrene und
sehr differenzierte Zivilgesellschaft gibt, mit der zu kooperieren sich für
hiesige NGOs lohnt, zeigte Kalamani in ihrem Vortrag.
Ihre Wurzeln reichen in die vorkoloniale Zeit zurück. Kastengremien und
Dorfräte haben, bevor die Briten kamen, relativ autonom gemeinschaftliche
Aufgaben erledigt. Wieder erstarkt ist die Zivilgesellschaft dann im Kampf
um die Unabhängigkeit. Der neue indische Staat weckte zunächst große
Erwartungen auf eine Transformation der Gesellschaft - durch die Etablierung
von Chancengleichheit für alle und durch Schutz vor Diskriminierungen.
Seit den 70er Jahren aber war allen klar, dass die Reformpläne gescheitert
waren. "Die sozialen Hierarchien sind nie wirklich ausgehebelt worden",
so Kalamani.
Als Antwort auf diese Situation entstand Ende der 70er eine starke Zivilgesellschaft,
die den Staat zur Wahrnehmung seiner Verantwortung drängte. Aktionsformen
waren Massenmobilisierung, Petitionen und direkte Konfrontationen.
Eine Auswahl der wichtigen Bewegungen seit jener Zeit: die Narmada Bachao
Andolan (gegen die Staudämme an der Narmada), die Chipko-Bewegung (Bewegung
gegen Abholzungen, seit Ende 70er), die Frauenbewegung, die Dalitbewegung
sowie die Chilika-Bewegungen gegen Shrimpsindustrie in Orissa (Anfang 90er),
gegen die ausbeuterische Praxis des Stahlsektors in Chhattisgarh (seit Ende
70er), gegen die ungerechte Behandlung der Gehsteigbewohner in Mumbai usw.
Heute bekommt die Zivilgesellschaft durch das immense ökonomische Wachstum
inmitten von Massenarmut und Ausbeutung neue Aufgaben gestellt. Während
die herrschende Klasse (meist Angehörige oberer Kasten) profitiert, werden
den Marginalisierten (z.B. Kleinbauern, Dalits, Adivasi) immer massiver Ressourcen
entzogen. Nicht zufällig nehmen sich jährlich tausende von Kleinbauern
das Leben. Auch immer mehr Frauen werden in die Armut gedrängt und gleichzeitig
einer immer heftigeren Gewalt ausgesetzt.
Auf soziale Aktivisten, die gegen diese Missstände arbeiten, machen die
herrschenden Klassen entweder Druck oder sie versuchen sie zu "kaufen"
und für eigene Zwecke einzuspannen.
In dieser Situation ist es absolut zwingend für NGOs, sich immer besser
zu vernetzen - auch über die Grenzen des eigenen Staates hinaus. Wichtig
ist der Aufbau von Süd-Süd-Kontakten und die Intensivierung der
Zusammenarbeit mit Partnern aus dem Norden. "Auch bei Süd-Nord-Kooperationen
ist Gleichberechtigung möglich", sagte Kalamani. "Das zeigt
die Zusammenarbeit von CWS und ASW". Es müsse daran gearbeitet werden,
diese Haltung auch auf andere Süd-Nord- sowie Süd-Süd-Kooperationen
zu übertragen.
Zwei Aufgaben haben aus CWS-Sicht nördliche NGOs: Ihre Partnerschaft
mit indischen zivilgesellschaftlichen Akteuren auf Basis von Gleichberechtigung
zu intensivieren. Und parallel dazu Druck auf die eigenen Regierungen auszuüben
- damit bessere Rahmenbedingungen für den Süden entstehen.
In seinem Statement gewichtete Podiumsdikutant Franz Nuscheler, Entwicklungstheoretiker und emeritierter Professor für Internationale und vergleichende Politik, das Engagement im eigenen Land noch stärker. "Die Zivilgesellschaften im Süden kümmern sich kompetent um die Dinge in ihren Ländern". Von uns erwarten sie, so Nuscheler, dass wir bei uns und bei den vom Norden dominierten Institutionen Veränderungen erkämpfen - zum Beispiel faire Handelbedingungen für den Süden. Warum, so seine Frage, haben ASW und vergleichbare Gruppen nicht zu Heiligendamm eine Kampagne gestartet mit der Forderung, freie Sitze in den Entscheidungsgremien von WB und IWF mit Vertretern aus Indien und Brasilien zu besetzen. Dass Vertreter von fünf Schwellenländern nach Heiligendamm gereist sind, nur um sich zu einem Gruppenbild mit Merkel aufzustellen, hält er für eine Farce.
Dass alles gut wird, wenn endlich Vertreter des Südens in den wichtigen
Finanz- und Entwicklungsinstitutionen sitzen - daran hatte die vierte Podiumsdiskutantin,
die Entwicklungssoziologin und Ethnologieprofessorin Shalini Randeria, so
ihre Zweifel. Wenn Indien, Brasilien und andere endlich richtig mitentscheiden
dürfen, so ist das nur die halbe Miete, so Randeria. Denn die politischen
Eliten des Südens vertreten ja eher die Interessen der Wirtschaftsakteure
ihres Landes als die Interessen der Armen.
Hiesige Nichtregierungsorganisationen sollten, so ihre Empfehlung, zweigleisig
fahren: Einerseits dafür eintreten, dass die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen
zugunsten des Südens verändert werden und zugleich direkt mit Organisationen
der Unterprivilegierten im Süden kooperieren und deren Arbeit stärken
- in einer nicht bevormundenden Weise wie sie Mitdiskutantin Kalamani beschrieben
habe.
Wie beim ersten Teil der Veranstaltung waren auch bei diesem Podium die Projektpartner
gefragt, konkretes Anschauungsmaterial aus ihren Ländern in die Debatte
einzubringen. Auf dem Podium saßen Tarcisio Feitosa von der Bewegung
für eine nachhaltige Entwicklung der Region Transamazônica und
Xingu, und Rukmini Rao vom Centre for World Solidarity, Indien.
Positionen aus der in Deutschland geführten Debatte vertraten Björn
Pieprzyk von der Informationskampagne Erneuerbare Energien IKEE und Thomas
Fritz vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Lateinamerika (FDCL) in Berlin.
"Ein weltweiter Diskurs zum Thema Agrartreibstoffe ist dringend notwendig.
Europäische Gruppen haben ihre Positionen entwickelt, ohne zuvor mit
Gruppen aus dem Süden diskutiert zu haben. Viele Positionen sind revisionsbedürftig."
Mit dieser klaren Aussage begann Thomas Fritz sein Referat, das in die Thematik
einführte und einen Überblick über die mit dem Agrotreibstoffmarkt
verknüpften Problembereiche gab.
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Die deutsche Regierung, die sich gerne als Klimaschützer inszeniert, überragt mit ihrem Beimischungsehrgeiz die europäischen Nachbarn. Sie will bis 2020 17% der fossilen Kraftstoffe durch Agrosprit ersetzen, das EU-Ziel liegt bei 10 Prozent. Bis 2010 soll in Deutschland ein Agrosprit-Anteil von 6,75%, in der EU von 5,75 Prozent verbindlich erreicht sein. Und die USA wollen bis 2017 15% der fossilen Kraftstoffe durch Agrarsprit ersetzt haben. |
Schon heute trägt, so Fritz, die Produktion von Agrotreibstoffen zu
Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln bei. Sie ist allerdings nicht der alleinige
Grund: auch Nachfragesteigerungen, Missernten und Subventionsabbau treiben
die Preise. Preissteigerungen gibt es zum Beispiel beim Mais, einem wichtigen
Grundnahrungsmittel weltweit - hier ist die Ausweitung der Ethanol-Produktion
auf Maisbasis Ursache. Und weil insgesamt mehr Flächen mit Mais bebaut
werden, steigen zudem die Weizen-, Reis- und Sojapreise. Besonders fatal ist
diese Preisentwicklung für arme Länder des Südens, die einen
Großteil ihrer Nahrungsmittel einführen müssen.
Kontroverser diskutiert werden, so Fritz, die Auswirkungen der Agrotreibstoffproduktion
auf das Weltklima. Befürworter von Agrotreibstoffen behaupten einen positiven
Klimaeffekt, und dieses Argument soll auch die EU-Beimischungsregelungen stützen.
Massive Zweifel sind hier angebracht, so Fritz. Denn zur Produktion der Rohstoffe
für Agrosprit dringt man immer weiter in die Tropenwälder vor, die
ganz wesentliche Speicher für Kohlenstoff sind.
Auch über die Verfügbarkeit von Flächen für die Massenproduktion von Agroenergie gehen die Meinungen weit auseinander. Das optimistischste Szenario besagt, der gesamte aktuelle Energiebedarf könne durch nachwachsende Rohstoffe gedeckt werden. Fritz zufolge ist diese Annahme höchst abenteuerlich, weil allein infolge von Degradierung (durch Erosion bedingt durch Düngemitteleinsatz etc.) weltweit die Ackerflächen schwinden - klimawandelbedingter Schwund ist da noch gar nicht eingerechnet.
Von einem solchem Szenario distanzierte sich auch Björn Pieprzyk, Referent
für Bioenergie der Informationskampagne Erneuerbare Energien IKEE. "Wir
können nicht erwarten, dass wir den weltweiten Verbrauch von vier Mrd.
Tonnen fossiler Kraftstoffe ersetzen können durch Agrokraftstoffe."
Stattdessen muss Mobilität auch durch technische Verbesserung gesichert
werden, sprich weniger Verbrauch zum Beispiel durch Elektro- bzw. Hybridautos.
Pieprzyk fand insgesamt die Debatte zu sehr auf ein Ja oder Nein zu Agrarkraftstoffen
fokussiert. Es gibt faktisch einen Bedarf an Agrokraftstoffen, so Pieprzyk,
daher werden sie produziert. So hätte seiner Meinung nach auch ein Moratorium
in USA oder EU nur wenig Auswirkungen, weil viele Entwicklungs- und Schwellenländer
weniger für den Export denn für den Eigenbedarf produzieren.
"Da wir somit nicht entscheiden könnten, ob es Agrokraftstoffe geben
soll oder nicht, müssen wir eben durch Nachhaltigkeits-Standards diese
Produktion in eine richtige Richtung lenken", so Pieprzyk.
Dass es mit Nachhaltigkeitsstandards längst nicht getan sein kann, zeigten
sowohl Tarcisio Feitosa wie Rukmini-Rao vom Centre for World Solidarity,
Indien.
"Überall dort, wo Kleinbauern keine Landtitel haben und damit keine
Nahrungssicherheit, ist der Anbau von Pflanzen für Agrosprit völlig
unakzeptabel", sagte der brasilianische Regenwaldschützer, der sich
in der Region Transamazônica und Xingu für die Einrichtung von
Regenwaldschutzgebieten einsetzt. (ausführlicher im anschließenden
Beitrag über Tarcisios Deutschlandrundreise). Dieser Gesichtspunkt ist
Tarcisio Feitosa (und auch der ASW) zufolge genauso wichtig wie die Frage,
ob Biodiesel auf gerodeten Flächen angebaut wird oder nicht. "Wir
müssen einen Pakt erreichen, der besagt, dass alle Länder, in denen
die Bevölkerung keine Nahrungssicherheit hat, keine Rohstoffe für
Agrosprit anbauen dürfen".
Die Krise der indischen Kleinbauern war auch der Ausgangspunkt des Beitrages
von Rukmini Rao zur Agrotreibstoffproduktion in Indien. Mit dieser konfrontierte
die CWS-Vorstandsfrau die Erklärung der indischen Regierung, künftig
auf 14 Mio. Ha Agrarland Pflanzen (vorwiegend Jatropa) für diesen Zweck
anbauen zu lassen. Gerade verarmten Farmern, die dringend Land für Nahrungsanbau
brauchen, wird von der indischen Regierung regelmäßig erklärt,
es gäbe keine Flächen, die verteilt werden könnten.
"Wir haben eine Situation, die einem Polizeistaat nahe kommt", brachte
die CWS-Vorstandsfrau die Situation auf den Punkt, "die Eliten kontrollieren
das Land und der Staat sichert das ab." Der Staat verhindert somit eine
gerechte Landverteilung.
Als eine Organisation, die mit Gemeinschaften armer und marginalisierter Menschen
arbeitet, hat das CWS klare Forderungen. Es sagt "Nein zu Agrodiesel",
solange die Versorgung aller mit Nahrung nicht gesichert ist. Und es sagt
zusammen mit diesen Menschen: wir wollen eigenes Land, eigene Nahrung, eigenes
Saatgut und eigenes Wasser.
Das Thema Landrechte, das Tarcisio Feitosa und Rukmini Rao in die Diskussion
eingebracht hatten, wurde dann noch einmal aufgegriffen, als sich das Podium
dem Punkt Zertifizierung zuwandte.
Pieprzyk erklärte, dass die Landrechte in der Zertifizierungsdebatte
künftig stärkeres Gewicht bekommen sollten. Derzeit würde man
eben mit Standards anfangen, die sich leichter umsetzen ließen - und
dazu gehöre zum Beispiel das Verbot, Rohstoffe für Agrosprit auf
gerodeten Flächen anzubauen. Dazu gehörten auch Arbeitsstandards.
"Das andere muss hinzukommen", so Pieprzyk.
Ob sich diese Dinge über einen zertifizierten Welthandel regeln lassen,
daran hatte Thomas Fritz seine Zweifel. Zur Stärkung der ländlichen
Bevölkerung und Organisierung von Landlosen müssten vermutlich andere
Instrumente entwickelt werden jenseits eines Zertifizierungsmechanismus, so
Fritz.
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