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Projektinfo 197 / Indien

80 Mio. Indigene in Indien sollen dem Fortschritt weichen

BSS, CARR, FARR, Judav und SPEAK India stärken die Betroffenen

Indien mausert sich mit einem Wirtschaftswachstum von 8 Prozent in einem atemberaubenden Tempo zu einer Weltwirtschaftsmacht. Von dem Boom profitieren aber längst nicht alle der 1,1 Milliarden Inder. Vor allem die ländlichen Menschen bleiben größtenteils außen vor, für einen Teil von ihnen wird die Situation sogar schlechter als besser.
Zu den klaren Verlierern der aktuellen Entwicklung zählt die indigene Bevölkerung (Adivasi) des Subkontinents. Die meist ressourcenreichen ländlichen Rückzugsgebiete der Adivasi geraten immer mehr ins Visier von Akteuren aus Wirtschaft und Politik.

 

Wirtschaftliche Interessen hebeln alle Schutzgesetze aus

Seit Beginn der wirtschaftlichen Liberalisierung in den 90ern intensiviert die politische Führung Indiens die Gewinnung von Rohstoffen wie Holz, Kohle, Erze in Adivasigebieten, die für neue Stahl- und Kohlekraftwerke benötigt werden. Dazu kommen neue Großstaudämme.
Parallel dazu erließen Bundes- und Landesregierungen Gesetze, die die Indigenen vor der Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen bewahren sollen. Schon die 1951 in Kraft getretene indische Verfassung schreibt für die mehr als 80 Millionen Adivasi ("scheduled tribes" = registrierte Stämme) besonderen Schutz, Quotenregelungen, sowie finanzielle Förderung fest, um deren historische Benachteiligung beim Zugang zu Ausbildung, Arbeit, Politik und eben auch Ressourcen auszugleichen. In den 90er Jahren wurde per Gesetz die Selbstverwaltung von Adivasigemeinschaften geregelt und ein Verbot erlassen, ohne Zustimmung der Adivasi-Selbstverwaltung Adivasiland zu verkaufen, dort Bodenschätze abzubauen oder gar neu zu erkunden. Auf dieser Grundlage erklärte der Oberste Gerichtshof in Andhra Pradesh 1997 das Überlassen von Adivasiland an private Minengesellschaften für null und nichtig.
Aber solche Gerichtsentscheide sind spektakuläre Ausnahmen. In den meisten aller Fälle setzen sich wirtschaftliche Akteure in Kooperation mit korrupten lokalen Behörden über die Adivasi-Schutzgesetze hinweg. Das heißt konkret: die meisten Industrie-, Damm- und Rohstoffprojekte in Adivasiland sind illegal.
Diese Gesetzesverletzungen zeigen, dass die Adivasigemeinschaften als Störfaktoren gelten und beseitigt werden sollen. Für die Betroffenen tut sich eine finstere Zukunft auf.

KASTEN Die Adivasi, die Nachkommen der ersten Bewohner Indiens (adi = ursprünglich, vasi = Bewohner), wurden im Laufe der Geschichte erst durch die indo-germanischen Invasoren, später dann durch die britische Kolonialmacht immer mehr in die unwegsamen Wald- und Bergregionen des indischen Subkontinents vertrieben. Dort lebten sie noch vor hundert Jahren als Jäger und Sammler und betrieben in kleinem Maße Landwirtschaft. Aufgrund der durch die Industrialisierung entstandenen einschneidenden Veränderungen ihres Lebensumfelds verdingten sie sich zusätzlich als Tagelöhner in der Landwirtschaft.Im Zuge der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung droht dieser Minderheit von immerhin 80 Mio. Menschen (eine Bevölkerungsgruppe in der Größe der deutschen Bevölkerung) nun auch der Verlust dieser letzten Rückzugsgebiete und somit ihrer Lebensgrundlage.


Die Adivasi, die Nachkommen der ersten Bewohner Indiens (adi = ursprünglich, vasi = Bewohner), wurden im Laufe der Geschichte erst durch die indo-germanischen Invasoren, später dann durch die britische Kolonialmacht immer mehr in die unwegsamen Wald- und Bergregionen des indischen Subkontinents vertrieben. Dort lebten sie noch vor hundert Jahren als Jäger und Sammler und betrieben in kleinem Maße Landwirtschaft. Aufgrund der durch die Industrialisierung entstandenen einschneidenden Veränderungen ihres Lebensumfelds verdingten sie sich zusätzlich als Tagelöhner in der Landwirtschaft.Im Zuge der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung droht dieser Minderheit von immerhin 80 Mio. Menschen (eine Bevölkerungsgruppe in der Größe der deutschen Bevölkerung) nun auch der Verlust dieser letzten Rückzugsgebiete und somit ihrer Lebensgrundlage.

 

 

Staudämme

Riesige Staudammprojekte haben seit den 1950er Jahren zu Zwangsumsiedlungen von Millionen von Adivasi geführt. Fruchtbares Ackerland, nutzbare Waldflächen und hunderte von Dörfern versinken seitdem in den Fluten.
Da bis heute keine verbindlichen Richtlinien für die Umsiedlung und Entschädigung der Betroffenen existieren, verwundert es nicht, dass ein Großteil der enteigneten Adivasi weder finanziell noch mit Ersatzland angemessen entschädigt wird. Oft werden die Adivasigemeinschaften nach ihrer Zwangsvertreibung auseinander gerissen und in Kolonien angesiedelt, in denen die Grundversorgung mangelhaft ist und keine ausreichenden Arbeitsmöglichkeiten bestehen. Ersatzland ist oftmals landwirtschaftlich nicht nutzbar.
Zahlreiche Studien und Filmreportagen belegen das Elend, in das diese Menschen gelangen, nachdem ihnen ihr Umfeld und damit der Wald als Überlebensressource genommen wurde.
Trotz dieser evidenten Fakten hält die indische Regierung an der Umsetzung weiterer Staudammprojekte, so z.B. an der Narmada, im Himalaya und an der Godavari (Dorf Polavaram) in Andhra Pradesh, fest.
Allein dem Polavaram-Stausee sollen mehr als 360 Dörfer und mehr als 250.000 Menschen weichen. Die Proteste gegen diese Mega-Projekte sind vielfältig und reichen über die indische Landesgrenze hinweg.

 

"Adivasi-Bundesstaat" als Farce

Der 2000 gegründete "Adivasi-Bundesstaat" Jharkhand ist eines der ressourcenreichsten Gebiete Indiens. Trotz des geschützten Adivasilandes wird dort eine massive Exploration der bestehenden Kohle-, Eisenerz-, Holz-, Bauxit- und Uranvorräte betrieben. Im ebenfalls wald- und ressourcenreichen Nachbarbundesstaat Orissa mit großer Adivasibevölkerung hat die Regierung 50 Explorationsabkommen mit internationalen Gesellschaften abgeschlossen, ohne die Adivasirechte auch nur zu beachten. Die beim Abbau mancher Rohstoffe entstehenden radioaktiven Substanzen, undichte Leitungen, das Ableiten von giftigen Abwässern in Seen etc. tragen dazu bei, dass Menschen, Tiere und Natur irreparable Schäden davon tragen. Verantwortliche schieben Gesundheitsschäden auf die angeblich unhygienischen Lebensverhältnisse und die Trunksucht der Adivasi. Diese Aussagen fügen sich zu dem negativen Image der Adivasi in der indischen Gesellschaft. Sie gelten als unzivilisiert und primitiv, faul, kriminell und unmoralisch. Physische Gewalt, Diskriminierungen, Ausbeutung und Demütigungen gehören schon längst zu den alltäglichen Erfahrungen der Adivasi. Hungersnöte, Mädchenhandel, Vergewaltigungen, Ausschluss von Schulbesuchen, von Gesundheitsversorgungen oder Regierungseinrichtungen sind in vielen Adivasigebieten eine gängige Praxis.

 

Lösungswege

NGOs unterstützen die Adivasi bei ihrem Kampf um Menschenwürde und Menschenrechte. Sie fördern Projekte, welche auf den Erhalt und die selbstbestimmte Weiterentwicklung der Adivasigemeinschaften gerichtet sind und ihnen ein ökonomisches Überleben ermöglichen. Gemeinsam mit den Projektpartnern schaffen sich die Adivasi neue Wege, sich weiter zu naturschonenden Lebensweisen zu bekennen und dennoch ökonomisch nicht unterzugehen.

Gemeinsam mit den Bürgerrechtsbewegungen vor Ort greifen internationale Kampagnen die Proteste auf und weisen auf die Beteiligungen der Industrienationen und der Weltbank an den Verletzungen der Menschrechte der Adivasi hin. Eine aktuelle Kampagne richtet sich zum Beispiel gegen die anstehenden Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen durch das Polavaram-Projekt.

Der ASW-Projektpartner CARR in Orissa hat bei seiner Arbeit mit den Adivasi seine Schwerpunkte auf die Stärkung von Frauen, den Waldschutz und die Gesundheitsfürsorge gelegt. Inzwischen haben die Adivasi dort erkannt, dass sie sich wehren müssen und sich nicht mehr länger schweigend den widerrechtlichen Übergriffen seitens der Regierung und der Wirtschaft beugen dürfen.
Von einem veränderten Bewusstsein und dem aktiven Wunsch, die Situation zu verändern, berichtet auch die ASW-Partnergruppe BSS in Andhra Pradesh. Zu deren übergeordneten Zielen gehört u.a. die Arbeit an einem gestärkten Selbstbewusstsein, an Gesundheitsfürsorge und Gemeindeorganisation. Ein hart umkämpftes, für die Ausbildung von Adivasikindern errichtetes Bildungszentrum, dient als Treffpunkt, Beratungs- und Trainingszentrum.

Ebenfalls in Andhra Pradesh tätig ist der ASW-Projektpartner SPEAK India, der u.a. gemeinsam mit den Adivasi ein Programm zur Waldbetreuung umsetzt. Neben Waldschutz sind Nutzung und Verarbeitung bestimmter Waldprodukte Thema. Die Gruppe FARR stärkt Adivasigemeinschaften der Kondh und hilft ihnen bei ihrem Abwehrkampf gegen geplante Minenprojekte. Das Umweltschutznetzwerk APPS schützt mit den Dorfgemeinschaften dürregefährdete Staatswälder, erkämpft die Nutzung nachwachsender Ressourcen zum Überleben der Adivasi und setzt sich für wasserschonende Verfahrensweisen in den Dörfern und auf den Feldern ein. Die Gruppe JUDAV holt Adivasikinder in Jharkhand aus der Kinderarbeit und verhilft ihnen zu einer angemessenen Schulbildung. Ihre Eltern erhalten Unterstützung bei einer nachhaltigen Wasserbewirtschaftung in der Landwirtschaft. Der Kampf um den Verbleib in der Region und angepasste Überlebensmöglichkeiten in dem veränderten Lebensumfeld sind immer Grundlage dieser Arbeit.
Gerne schicken wir weitere Informationen zu den Adivasi-Projekten zu.
Unterstützen Sie die engagierten Projektpartner mit Ihrer Spende!

Kennwort: Perspektivenfonds Indien
Kenn-Nr.: 9091

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

IBAN: DE69100205000001250700
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER

 


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