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Projektinfo 204 / Indien

Der Friseur ist immer dabei!
DARPAN bekämpft den Handel mit jungen Frauen im indischen Bundesstaat Jharkhand

Es ist schon spät abends. Nirmal Kumar bekommt Besuch von einem Boten: Er soll sofort zu einer Familie in einem Nachbardorf kommen. Die will ihre jüngsten beiden Töchter verheiraten. Zwei Männer aus dem fernen Delhi seien gekommen und würden die beiden jungen Frauen der Familie Manjhi heiraten. Nirmal Kumar ist einer der in der Gegend ansässigen Friseure. Er packt seine Sachen zusammen und macht sich auf den Weg in das vier Kilometer entfernte Nachbardorf Djarba. Auf dem Weg informiert er noch schnell eine Nachbarin über sein Vorhaben.
Im Nachbardorf angekommen trifft er im Haus der Familie auf die angereisten Männer. Die Frauen haben sich in den Küchenanbau zurückgezogen. Die Männer aus Delhi sind 47 und 55 Jahre alt - die zukünftigen Bräute 14 und 16. Es herrscht eine gezwungene Stimmung.
Nirmal Kumar packt langsam einige Flaschen und einen Fetzen Baumwollstoff aus. Nur wenn ein Friseur die Füße der Heiratswilligen rot einfärbt, kann in dieser Region das Hochzeitsritual vollzogen werden. Erst dann gilt das Paar als offiziell verheiratet.
Plötzlich erscheinen Leute vor dem Haus, andere Nachbarn kommen durch den Lärm dazu. Die Menschen gehören einer Gruppe an, die sich selbst "Die Aufpasser" nennt. Der Friseur hatte die Gruppe über seine Nachbarin verständigen lassen, als er sein Dorf verließ. Erklärtes Ziel der Bürgerinitiative mit dem Namen "Die Aufpasser" ist die Verhinderung von Menschenhandel. Sie tritt in Aktion, wenn eine dubiose Hochzeit ansteht und die Gefahr groß ist, dass Frauen einfach verschwinden.

Jetzt, bei der Familie Manjhi im Dorf Djarba, beginnen aufgeregte Befragungen und Diskussionen. Die beiden jungen Frauen bekennen nach einiger Zeit, dass sie keinesfalls freiwillig mit den Ihnen unbekannten Männern verheiratet sein möchten. Es stellt sich heraus, dass der Kontakt über eine Vermittlerin zustande kam und die Männer bereit sind, für ihre zukünftigen Bräute sowohl Geld an die Vermittlerin als auch an die Brauteltern zu bezahlen. Auf genaues Nachfragen hin stellt sich heraus, dass weder der konkrete Wohnort der Männer, noch ihr Lebensunterhalt oder ihr Familienstand bekannt ist. "Die Aufpasser" halten die Männer im Dorf fest und schalten die Polizei ein. Ein weiterer Fall von Menschenhandel mit jungen Frauen ist so verhindert worden

 

Armut ist der Nährboden für Menschenhandel

Aus purer Armut sehen sich immer wieder Familien gezwungen, ihre Töchter an unbekannte Heiratswillige zu verkaufen. Die Vermittler dieser Geschäfte sind oft Frauen, die selbst einmal verkauft wurden und nun gezwungen sind, neue Opfer zu rekrutieren. Oft sind die zukünftigen Ehemänner bereits verheiratet oder haben nach einigen Monaten genug von der neuen Ehefrau. Dann reichen sie diese als Haushaltshilfe oder sogar als Prostituierte weiter.
Manchmal werden Adivasifrauen geheiratet, weil Interesse an ihrem Land besteht. Viele Firmen versprechen Arbeit suchenden Männern einen Arbeitsplatz, wenn sie als Gegenleistung ein Stück Land in Adivasigebieten erhalten. Land in diesen Gebieten ist meist nicht käuflich. So heiraten Arbeitswillige unwissende Adivasifrauen, erhalten durch die Heirat die Landtitel der Ehefrau, überschreiben die Landrechte dem Arbeitgeber und verlassen die Ehefrau. Oft heiraten sie erneut. Den Frauen ist eine Rückkehr in Dorf und Familie meist nicht möglich, denn sie gelten als entehrt. Ihr Überleben wird zu einem Problem.

 

Haarsträubende Fälle sind Alltag

Unglaubliche Details bekommt man zu hören: Hier hat ein Bruder als männliches Familienoberhaupt für 15.000 Rupien (240€) seine minderjährige Schwester verkauft. Dort kamen 21 Männer aus Rajasthan mit zwei bereits eingekauften Ehefrauen (12 und 17 Jahre) und versuchten, nachts weitere Frauen zu "heiraten". Die Zahlung sollte später erfolgen. In einem Fall ist der verkaufende Brautvater stockbetrunken. In einem anderen nahm eine Vermittlerin ein elfjähriges Mädchen einfach in eine ungewisse Zukunft mit - für die Eltern, die mit der Aussicht auf eine spätere Bezahlung vertröstet wurden, ist das Kind für immer verloren. In einem weiteren Fall suchten drei Männer besonders "billige" Frauen. Sie sagten, die Frauen dürften jede Art von Behinderung haben, wenn der Preis für sie entsprechend niedrig wäre.
"Es geht uns nichts an - wir dürfen uns da nicht einmischen" sagen vielfach die Nachbarn, die sich in einer ähnlich elenden Lage befinden. In einem Fall beschreibt ein Familienvater seine Situation so: "Bleiben die Mädchen bei uns, werden wir alle verhungern. So haben wir zumindest für einige Monate genügend Nahrung."

 

"Die Aufpasser" und DARPAN machen den Menschen Mut

Jeder, der hier etwas verändern will, muss an der Armut und der Hoffnungslosigkeit der Menschen ansetzen. Je besser er ihre Situation kennt, desto eher stößt er auf offene Ohren.
Rajni Kiran, die die Gruppe DARPAN und "Die Aufpasser" aufgebaut hat, war selber gegen ihren Willen verheiratet worden. Sie ist ihrer Ehe entkommen. Wenn sie sich heute besonders für die Belange der Frauen einsetzt, weiß sie genau, was sie tut.
Frauen brauchen zunächst mehr Selbstbewusstsein, damit sie gegen die verlockenden Versprechungen der Menschenhändler standhaft bleiben und ihre Töchter nicht mehr so leicht weggeben. Und sie brauchen zusätzliche Einkommensmöglichkeiten, um der Armut zu entkommen.
An beiden Punkten setzt DARPAN an. Zusammen mit den Frauen hat die Organisation Arbeits- und Spargruppen aufgebaut. Die Frauengruppen haben sich mit anderen vernetzt und setzen sich mit diesen gemeinsam für die Verbesserung der Lebenssituation in ihrer Region ein. Auch häusliche Gewalt gegen Frauen ist für sie ein Thema, ebenso wie die Einführung demokratischer Dorfwahlen (siehe Kasten).
Die oben beschriebene Bürgerinitiative "Die Aufpasser" ist aus diesem Engagement hervorgegangen. Sie funktioniert, weil alle DARPAN-Dörfer mitmachen und die Aufpasser sofort informieren, wenn irgendwo eine Heirat geplant ist. "Die Aufpasser" begeben sich dann in das entsprechende Dorf und nehmen alle Daten der Beteiligten in ein Heiratsregister auf. So können sie verhindern, dass ein bereits verheirateter Mann eine Scheinehe eingeht. Mit einer durch Spendengelder finanzierten Videokamera dokumentieren sie außerdem die bei den Heiratsverhandlungen gemachten Aussagen, um diese eventuell vor Gericht besser belegen zu können.
Haben "Die Aufpasser" eine Schein- oder Doppelehe einmal nicht verhindern können, dann versucht ein Netzwerk gegen Frauenhandel, die junge Frau aufzuspüren und in ihr Dorf zurückzubringen. Weigert sich die Familie auch nach langen Verhandlungen mit DARPAN, die ‚entehrte' Tochter wieder aufzunehmen, dann ist die Unterbringung in einem Heim nötig. Außerdem kümmert sich DARPAN dann auch um einen Ausbildungsplatz oder um Verdienstmöglichkeiten für die junge Frau.
Manchmal wenden sich auch geflüchtete Ehefrauen oder Heiratsvermittlerinnen an DARPAN, wenn sie ihrer Situation entrinnen möchten. Auch dann werden die Menschen von DARPAN tätig. Manchmal gelingt es sogar, den Fall ins Fernsehen zu bringen. In der Sendung werden dann Menschen gesucht, die einen guten Ausbildungs- oder Arbeitsplatz für die Frau anbieten können.
"Wir tun alles, um wenigstens in unseren Dörfern zu verhindern, dass weiter junge Mädchen verschleppt werden", sagt der Friseur Nirmal Kumar. Er ist entschlossen, noch lange mit DARPAN und den "Aufpassern" für die jungen Frauen und ihre Familien zu kämpfen.
Unterstützen Sie DARPAN und "Die Aufpasser", damit Menschenhändler künftig kein leichtes Spiel mehr haben

Kennwort: Frauenfonds Indien
Kenn-Nr.: 9090

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

IBAN: DE69100205000001250700
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER

 

 


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