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Gleichberechtigte Zusammenarbeit mit indischen Partnern - Interview mit M.V. Sastri, Seniorchef des CWS in Hyderabad

M.V. Sastri arbeitet seit 23 Jahren mit der ASW zusammen. Das Centre for World Solidarity (CWS), das die ASW zusammen mit ihm aufgebaut hat, betreut für die ASW die Arbeit mit den rund 35 Projekten vor Ort und vermittelt die Transfers von ASW-Spendengeldern an die Träger dieser Projekte. Auch die konkrete Projektauswahl liegt beim CWS, das durch seine intensive Auseinandersetzung mit den lokalen Gruppen und durch seine Beteiligung an indischen Debatten die richtigen Entscheidungen treffen kann.


Was schätzt du an der ASW?


Die ASW gab uns von Anbeginn an ein Gefühl von Gleichberechtigung. In ihrer geistigen Haltung unterscheiden sich ihre Mitarbeiter von vielen westlichen Menschen, die nur von einem hohen Podest herab mit uns kommunizieren. (…)
Ich muss auch erwähnen, dass die Auswahl des Staffs immer fehlerlos war, sonst hätte das, was gut angefangen hatte, irgendwann auch entgleisen können.

 

Was ist in der konkreten Zusammenarbeit anders als bei anderen Organisationen, von denen ihr Geld bekommt?


Geben und Nehmen von Geld ist immer eine problematische Angelegenheit. Eine Gleichberechtigung, die anfangs da war, kann ganz unbeabsichtigt kippen, sobald Finanz-spezifische Diskussionen beginnen. Die ASW hat durch eine ganz bestimmte Mentalität und Disziplin dafür gesorgt, dass die Beziehung zu uns sich nicht durch notwendige Finanzdiskussionen irgendwann zum Schlechteren wendete.
Ich würde auch vermuten, dass die ASW durch ihre Entscheidung, bei der schwierigeren Geldbeschaffung von kleinen Spendern zu bleiben statt sich Geld aus Regierungsquellen oder von sonstigen großen Gebern zu besorgen, weniger in Gefahr war, von ihren Grundpositionen abzurücken.
Aufgrund der Wahl dieses Weges ist die ASW auch eine vergleichsweise kleine Organisation geblieben - eine die sich ihre Fähigkeit zum gleichberechtigten Dialog mit den Partnern erhalten hat. Und als solche besetzt sie eine Nische in der rauen Welt des Funding. Dies versetzt sie überhaupt in die Lage zu sagen, wie die Nord-Süd-Beziehungen umgestaltet werden sollten…

Hast du das Gefühl, dass sich da in den vergangenen Jahren etwas verändert hat in der Zusammenarbeit ASW CWS?


Als wir starteten kam alles Geld von der ASW. Aber unsere Ansprüche wuchsen in dem Maße, indem auch die Erfordernisse auf dem Grassrootslevel stiegen. Die Mittel von der ASW reichten längst nicht aus, um unsere Arbeit zu finanzieren. Aber sie waren deshalb ungemein wichtig, weil sie uns befähigten, an Mittel aus anderen Quellen heranzukommen. Bald konnten wir auch an große Geber selbstbewusst herantreten. Und wenn wir merkten, dass jemand uns nicht gleichberechtigt behandeln wollte, kündigten wir einfach die Zusammenarbeit auf - egal, ob es sich nun um große indische NGOs oder Regierungseinrichtungen handelte.

Jetzt zu den thematischen Schwerpunkten eurer Arbeit.

Wie kam es zur Wahl der Themen Frauen, Dalits, Management der Naturressourcen, nachhaltige Landwirtschaft?


Wir schöpfen da im wesentlichen aus vier Quellen:
Zum ersten ist da die indische Verfassung, die die Handschrift des großen indischen Führers Dr. B.R. Ambedkar trägt. (Er kam aus der benachteiligten Dalitcommunity). Diese Verfassung setzt die Parameter für unsere pluralistische Gesellschaft. Dieser Aspekt ist mir wichtig, um klar zu machen, dass wir nicht von exotischen Vorstellungen getrieben werden.

Zum zweiten finden in Indien sehr lebendige Debatten um Entwicklungsmodelle statt. Das CWS ist an diesen mit aller Energie beteiligt, und durch diese Partizipation können wir unsere Konzepte immer mehr verfeinern und abstimmen.
Die thematischen Referate, die wir in den Jahren entwickelt haben, sind ein Resultat davon.
Ein weiteres Ergebnis unserer Teilnahme an den nationalen Diskursen ist, dass unsere Frauennetzwerke die Sensitivität für Genderfragen gestärkt haben; unsere Genderarbeit wir mittlerweile als wichtiger nationaler Beitrag gewürdigt.

Zum dritten sind wir CWS-Mitarbeiter immer auch vom Internationalismus beeinflußt gewesen - der Menschenrechtsansatz der UNO war ein wichtiger Antrieb für unsere Arbeit (z.B. die UNO-Menschenrechtserklärung, die Kinderrechtskonvention, das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) usw).

Zum vierten haben wir Erfahrungen und Konzepte auf der Grassrootsebene gesammelt.

Ihr habt auch eure Umweltarbeit immer mehr ausgebaut. Habt ihr da nicht auch auf Europa geschaut? Immerhin hat die Debatte zu Umweltschutz dort deutlich früher begonnen als in Indien.

Das möchte ich bestreiten…
Zunächst müssen wir unterscheiden zwischen einem Umweltbewußtsein, das die Gemeinschaften bei ihrer Bewirtschaftung der Natur leitet, und konzertierten Aktionen zum Umweltschutz. Was dieses erstgenannte Umweltbewusstsein angeht - da ist Indien ziemlich reich. Die indische Literatur ist voll davon - ich will nur die epische Sanskrit-Dichtung des Kalidas als Beispiel nennen. Auch die Adivasi haben einen ausgeprägten Sinn für die Umwelt, wenn dieser auch nicht auf der westlichen Logik beruht. Und sogar Fischergemeinschaften müssen hier erwähnt werden, die ganz besondere Methoden zur Bewahrung der Fischbestände entwickelt haben: manche gehen zum Beispiel nur an bestimmten Tagen der Saison zum Fischfang.
Was nun die Umweltaktionen anbetrifft - da hat Indien sicherlich etwas von modernen Aktionsformen übernommen und in diesem Sinne muss ich zustimmen, dass Indien von europäischen Praktiken gelernt hat.

Ihr seid die Vermittlungsinstanz zwischen der ASW und den lokalen Partnern. Daher jetzt Fragen zu eurer Zusammenarbeit mit den lokalen NGOs und Selbsthilfegruppen.

Wie findet ihr die Gruppen, die ihr dann zur Unterstützung der ASW vorschlagt?


Es gibt verschiedene Wege diesen Gruppen zu begegnen. Leute kommen im Geiste der Gandhianischen und demokratischen Tradition zusammen, um gemeinsam Probleme zu diskutieren. Zu solchen Treffen wird das CWS häufig eingeladen.
Zum anderen organisiert das CWS selbst Diskussionen zu verschiedenen Themen wie Dalits, Gender, Indigene, Umwelt, Minderheiten, Kinderrechte und verwandte Fragen. Unsere eigenen jährlichen regionalen Treffen (RACM - Regional Annual Consultative Meetings) mit unseren Partnern beziehen auch andere zivilgesellschaftliche Organisationen ein.
Zu solchen Gelegenheiten werden die künftigen Partner ausgewählt, darunter jene, die dann von der ASW unterstützt werden.

Wie funktionieren die von euch organisierten Netzwerktreffen?

Wir laden zu diesen Treffen, die jedes Jahr in jedem Bundesstaat an zwei Tagen stattfinden, CWS-Partner einschließlich Netzwerkvertreter und Freunde des CWS, sowie ausgewählte Nicht-Partner ein. Außerdem kommen noch einzelne Geber und Regierungsvertreter hinzu. Einige Geber geben Inputs und referieren über bestimmte Förderprogramme.
CWS-Mitarbeiter berichten über Aktivitäten und Finanzen des abgelaufenen Jahres und sammeln dann Ideen für das kommende Jahr. Diese Ideen können von allen kommen, nicht nur von den CWS-Partnern.
Dann teilen sich die TeilnehmerInnen in Arbeitsgruppen auf und diskutieren über die bestmögliche Verwendung jener Mittel, die die ASW über CWS ihnen für kurzfristige Aktivitäten im Bereich Umwelt, Frauen, Dalits und Organisationsentwicklung zur Verfügung stellt. Bei diesen spezifischen Mitteln gibt das CWS nichts vor, die anwesenden zivilgesellschaftlichen Akteure treffen die Entscheidungen in eigener Verantwortung.
Über die aktuellen jeweiligen Arbeitsergebnisse dieser Kleinprojekte wird im kommenden Jahr Rechenschaft abgelegt.

RACMs sind somit ein gutes Training in demokratischer Entscheidungsfindung über Mittelverwendung. Und für das CWS sind sie eine gute Gelegenheit, mögliche neue Partner für die ASW zu finden.

Wie bereichernd sind für euch die inhaltlichen Diskussionen, die ihr mit diesen Gruppen bei den Netzwerktreffen führt? Seid ihr nach den Netzwerktreffen zuweilen so inspiriert, dass sich bei euch, beim CWS, etwas ändert?

Immer wenn eine neue Phase beim CWS ansteht, begeben wir uns in intensive Diskussionen mit dem Gruppen auf den RACMs. Am Ende des RACM wissen wir, was in der neuen Phase getan werden könnte. Das ist durchgängig so passiert, und wir merken, dass dadurch die Qualität unserer Planungen besser wird.
(…)
Auch bei richtig langfristigen Dingen bekommen wir die Anregungen von den RACMs. Beispiel: Wie autonom sollten die CWS-Ressourcen-Zentren (CWS-Büros in anderen Bundesstaaten) arbeiten?
Zu dieser Frage hatten wir kürzlich mit allen RACMs ein Papier diskutiert.

Als Resultat dieser Diskussionen werden nicht nur die Visionen des CWS klarer - auch die Partnerorganisationen in jedem Bundesstaat erreichen neue Stufen der Zusammenarbeit, werden insgesamt vernetzter. Dadurch wird auch die Zivilgesellschaft insgesamt "gesünder". Und das ist ein wichtiges Ziel des CWS.

Oft sind die Koordinatoren oder die Gründer von lokalen NGOs, die an euch herantreten oder die ihr ‚findet', idealistische Menschen aus den Städten, die etwas verändern wollen. Wie ist da gewährleistet, dass diese Menschen auch wirklich Zugang zur Landbevölkerung, zu Indigenen usw haben?

Es ist nichts falsch daran, dass Mittelklasse-Leute dazu beitragen, bestimmte Prozesse anzustoßen. Durch entsprechendes Training können wir aber erreichen, dass mehr und mehr die Leute von der Grassrootsebene die Koordinierungspositionen übernehmen. Das findet bereits statt.

Wurden bestimmte Themen, die dann auch die Arbeit der lokalen Selbsthilfegruppen leiten sollen, nicht aus dem Milieu der städtischen Mittelschicht mitgebracht …

Dieses Risiko ist gering wenn bei allen Debatten eben die Grassrootsebene beteiligt ist. Wir schaffen es zum Beispiel durch die Zusammensetzung unserer Diskussionsforen oder regionalen Treffen, dass alle abgelegenen oder irrelevanten Themen sofort ausgemustert werden. Wir selbst würden auch nie irgendeine elitäre Agenda zur Diskussion stellen.

Bei welchen Themen ist für euch am offensichtlichsten, dass es sich um die Themen der Menschen vor Ort handelt? Wie stellt ihr sicher, dass ihr zu diesen Themen gelangt?

Was ist zum Beispiel mit Partizipation von Frauen? Ist das tatsächlich ein Anliegen der Menschen an der Basis?


Das CWS sollte nicht zögern, Themen für Diskussionen vorzugeben. Tatsächlich geben wir oft etwas vor. Zugleich sind wir aber total offen, wenn lokale Gruppen Vorschläge für andere Diskussionsthemen machen. Das passiert automatisch bei unseren RACMs, weil diese ja ein so breites Spektrum einbeziehen. Tatsächlich wollen wir ja, dass diese RACMs die gesamte Zivilgesellschaft des jeweiligen Bundesstaates repräsentieren.
Was Frauenpartizipation anbetrifft - ich kann Ihnen sagen, dass ich, als wir mit unserer Arbeit in Bihar begannen, keine einzige Frau bei den Treffen sah. Das ist jetzt anders geworden. Es gibt historische Gründe für diesen Wandel, und das CWS kann für sich in Anspruch nehmen, seinen kleinen Beitrag geleistet zu haben, diesen Prozess zu einer stärkeren Partizipation der Frauen angestoßen zu haben.
Das Wenige, das das CWS beigetragen hat, liegt in seinen bewussten Anstrengungen, in allen Foren spezielle Räume für Frauen zu schaffen. Das hat das CWS in allen Jahren der Zusammenarbeit mit der ASW so gemacht.

Interview: Isabel Armbrust


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