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Aktionsgemeinschaft
Solidarische Welt e.V. Potsdamer Straße 89 10785 Berlin Tel.: 030 - 25 94 08 01 Fax: 030 - 25 94 08 11 Email: mail@aswnet.de |
M.V. Sastri arbeitet seit 23 Jahren mit der ASW zusammen. Das Centre for World Solidarity (CWS), das die ASW zusammen mit ihm aufgebaut hat, betreut für die ASW die Arbeit mit den rund 35 Projekten vor Ort und vermittelt die Transfers von ASW-Spendengeldern an die Träger dieser Projekte. Auch die konkrete Projektauswahl liegt beim CWS, das durch seine intensive Auseinandersetzung mit den lokalen Gruppen und durch seine Beteiligung an indischen Debatten die richtigen Entscheidungen treffen kann.
Die ASW gab uns von Anbeginn an ein Gefühl von Gleichberechtigung. In
ihrer geistigen Haltung unterscheiden sich ihre Mitarbeiter von vielen westlichen
Menschen, die nur von einem hohen Podest herab mit uns kommunizieren. (…)
Ich muss auch erwähnen, dass die Auswahl des Staffs immer fehlerlos war,
sonst hätte das, was gut angefangen hatte, irgendwann auch entgleisen
können.
Geben und Nehmen von Geld ist immer eine problematische Angelegenheit. Eine
Gleichberechtigung, die anfangs da war, kann ganz unbeabsichtigt kippen, sobald
Finanz-spezifische Diskussionen beginnen. Die ASW hat durch eine ganz bestimmte
Mentalität und Disziplin dafür gesorgt, dass die Beziehung zu uns
sich nicht durch notwendige Finanzdiskussionen irgendwann zum Schlechteren
wendete.
Ich würde auch vermuten, dass die ASW durch ihre Entscheidung, bei der
schwierigeren Geldbeschaffung von kleinen Spendern zu bleiben statt sich Geld
aus Regierungsquellen oder von sonstigen großen Gebern zu besorgen,
weniger in Gefahr war, von ihren Grundpositionen abzurücken.
Aufgrund der Wahl dieses Weges ist die ASW auch eine vergleichsweise kleine
Organisation geblieben - eine die sich ihre Fähigkeit zum gleichberechtigten
Dialog mit den Partnern erhalten hat. Und als solche besetzt sie eine Nische
in der rauen Welt des Funding. Dies versetzt sie überhaupt in die Lage
zu sagen, wie die Nord-Süd-Beziehungen umgestaltet werden sollten…
Als wir starteten kam alles Geld von der ASW. Aber unsere Ansprüche wuchsen
in dem Maße, indem auch die Erfordernisse auf dem Grassrootslevel stiegen.
Die Mittel von der ASW reichten längst nicht aus, um unsere Arbeit zu
finanzieren. Aber sie waren deshalb ungemein wichtig, weil sie uns befähigten,
an Mittel aus anderen Quellen heranzukommen. Bald konnten wir auch an große
Geber selbstbewusst herantreten. Und wenn wir merkten, dass jemand uns nicht
gleichberechtigt behandeln wollte, kündigten wir einfach die Zusammenarbeit
auf - egal, ob es sich nun um große indische NGOs oder Regierungseinrichtungen
handelte.
Wir schöpfen da im wesentlichen aus vier Quellen:
Zum ersten ist da die indische Verfassung, die die Handschrift des großen
indischen Führers Dr. B.R. Ambedkar trägt. (Er kam aus der benachteiligten
Dalitcommunity). Diese Verfassung setzt die Parameter für unsere pluralistische
Gesellschaft. Dieser Aspekt ist mir wichtig, um klar zu machen, dass wir nicht
von exotischen Vorstellungen getrieben werden.
Zum zweiten finden in Indien sehr lebendige Debatten um Entwicklungsmodelle
statt. Das CWS ist an diesen mit aller Energie beteiligt, und durch diese
Partizipation können wir unsere Konzepte immer mehr verfeinern und abstimmen.
Die thematischen Referate, die wir in den Jahren entwickelt haben, sind ein
Resultat davon.
Ein weiteres Ergebnis unserer Teilnahme an den nationalen Diskursen ist, dass
unsere Frauennetzwerke die Sensitivität für Genderfragen gestärkt
haben; unsere Genderarbeit wir mittlerweile als wichtiger nationaler Beitrag
gewürdigt.
Zum dritten sind wir CWS-Mitarbeiter immer auch vom Internationalismus beeinflußt gewesen - der Menschenrechtsansatz der UNO war ein wichtiger Antrieb für unsere Arbeit (z.B. die UNO-Menschenrechtserklärung, die Kinderrechtskonvention, das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) usw).
Zum vierten haben wir Erfahrungen und Konzepte auf der Grassrootsebene gesammelt.
Das möchte ich bestreiten…
Zunächst müssen wir unterscheiden zwischen einem Umweltbewußtsein,
das die Gemeinschaften bei ihrer Bewirtschaftung der Natur leitet, und konzertierten
Aktionen zum Umweltschutz. Was dieses erstgenannte Umweltbewusstsein angeht
- da ist Indien ziemlich reich. Die indische Literatur ist voll davon - ich
will nur die epische Sanskrit-Dichtung des Kalidas als Beispiel nennen. Auch
die Adivasi haben einen ausgeprägten Sinn für die Umwelt, wenn dieser
auch nicht auf der westlichen Logik beruht. Und sogar Fischergemeinschaften
müssen hier erwähnt werden, die ganz besondere Methoden zur Bewahrung
der Fischbestände entwickelt haben: manche gehen zum Beispiel nur an
bestimmten Tagen der Saison zum Fischfang.
Was nun die Umweltaktionen anbetrifft - da hat Indien sicherlich etwas von
modernen Aktionsformen übernommen und in diesem Sinne muss ich zustimmen,
dass Indien von europäischen Praktiken gelernt hat.
Es gibt verschiedene Wege diesen Gruppen zu begegnen. Leute kommen im Geiste
der Gandhianischen und demokratischen Tradition zusammen, um gemeinsam Probleme
zu diskutieren. Zu solchen Treffen wird das CWS häufig eingeladen.
Zum anderen organisiert das CWS selbst Diskussionen zu verschiedenen Themen
wie Dalits, Gender, Indigene, Umwelt, Minderheiten, Kinderrechte und verwandte
Fragen. Unsere eigenen jährlichen regionalen Treffen (RACM - Regional
Annual Consultative Meetings) mit unseren Partnern beziehen auch andere zivilgesellschaftliche
Organisationen ein.
Zu solchen Gelegenheiten werden die künftigen Partner ausgewählt,
darunter jene, die dann von der ASW unterstützt werden.
Wir laden zu diesen Treffen, die jedes Jahr in jedem Bundesstaat an zwei
Tagen stattfinden, CWS-Partner einschließlich Netzwerkvertreter und
Freunde des CWS, sowie ausgewählte Nicht-Partner ein. Außerdem
kommen noch einzelne Geber und Regierungsvertreter hinzu. Einige Geber geben
Inputs und referieren über bestimmte Förderprogramme.
CWS-Mitarbeiter berichten über Aktivitäten und Finanzen des abgelaufenen
Jahres und sammeln dann Ideen für das kommende Jahr. Diese Ideen können
von allen kommen, nicht nur von den CWS-Partnern.
Dann teilen sich die TeilnehmerInnen in Arbeitsgruppen auf und diskutieren
über die bestmögliche Verwendung jener Mittel, die die ASW über
CWS ihnen für kurzfristige Aktivitäten im Bereich Umwelt, Frauen,
Dalits und Organisationsentwicklung zur Verfügung stellt. Bei diesen
spezifischen Mitteln gibt das CWS nichts vor, die anwesenden zivilgesellschaftlichen
Akteure treffen die Entscheidungen in eigener Verantwortung.
Über die aktuellen jeweiligen Arbeitsergebnisse dieser Kleinprojekte
wird im kommenden Jahr Rechenschaft abgelegt.
RACMs sind somit ein gutes Training in demokratischer Entscheidungsfindung über Mittelverwendung. Und für das CWS sind sie eine gute Gelegenheit, mögliche neue Partner für die ASW zu finden.
Immer wenn eine neue Phase beim CWS ansteht, begeben wir uns in intensive
Diskussionen mit dem Gruppen auf den RACMs. Am Ende des RACM wissen wir, was
in der neuen Phase getan werden könnte. Das ist durchgängig so passiert,
und wir merken, dass dadurch die Qualität unserer Planungen besser wird.
(…)
Auch bei richtig langfristigen Dingen bekommen wir die Anregungen von den
RACMs. Beispiel: Wie autonom sollten die CWS-Ressourcen-Zentren (CWS-Büros
in anderen Bundesstaaten) arbeiten?
Zu dieser Frage hatten wir kürzlich mit allen RACMs ein Papier diskutiert.
Als Resultat dieser Diskussionen werden nicht nur die Visionen des CWS klarer - auch die Partnerorganisationen in jedem Bundesstaat erreichen neue Stufen der Zusammenarbeit, werden insgesamt vernetzter. Dadurch wird auch die Zivilgesellschaft insgesamt "gesünder". Und das ist ein wichtiges Ziel des CWS.
Es ist nichts falsch daran, dass Mittelklasse-Leute dazu beitragen, bestimmte Prozesse anzustoßen. Durch entsprechendes Training können wir aber erreichen, dass mehr und mehr die Leute von der Grassrootsebene die Koordinierungspositionen übernehmen. Das findet bereits statt.
Dieses Risiko ist gering wenn bei allen Debatten eben die Grassrootsebene beteiligt ist. Wir schaffen es zum Beispiel durch die Zusammensetzung unserer Diskussionsforen oder regionalen Treffen, dass alle abgelegenen oder irrelevanten Themen sofort ausgemustert werden. Wir selbst würden auch nie irgendeine elitäre Agenda zur Diskussion stellen.
Das CWS sollte nicht zögern, Themen für Diskussionen vorzugeben.
Tatsächlich geben wir oft etwas vor. Zugleich sind wir aber total offen,
wenn lokale Gruppen Vorschläge für andere Diskussionsthemen machen.
Das passiert automatisch bei unseren RACMs, weil diese ja ein so breites Spektrum
einbeziehen. Tatsächlich wollen wir ja, dass diese RACMs die gesamte
Zivilgesellschaft des jeweiligen Bundesstaates repräsentieren.
Was Frauenpartizipation anbetrifft - ich kann Ihnen sagen, dass ich, als wir
mit unserer Arbeit in Bihar begannen, keine einzige Frau bei den Treffen sah.
Das ist jetzt anders geworden. Es gibt historische Gründe für diesen
Wandel, und das CWS kann für sich in Anspruch nehmen, seinen kleinen
Beitrag geleistet zu haben, diesen Prozess zu einer stärkeren Partizipation
der Frauen angestoßen zu haben.
Das Wenige, das das CWS beigetragen hat, liegt in seinen bewussten Anstrengungen,
in allen Foren spezielle Räume für Frauen zu schaffen. Das hat das
CWS in allen Jahren der Zusammenarbeit mit der ASW so gemacht.
Interview: Isabel Armbrust
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