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Gleichstellungserfolge gibt es weltweit am ehesten im Bildungsbereich

Christa Wichterich

  Interview mit Christa Wichterich

FRAGE: Derzeit wird hierzulande über eine Quote für Frauen in Führungspositionen gestritten. Sind möglichst viele Frauen in Führungspositionen das, wofür die Frauenbewegungen seit den 70ern gekämpft haben?

Die Quote – ob nun die Reservierung von einem Drittel der Parlamentssitze für Frauen in Indien oder eine Frauenquote in Aufsichtsräten in Norwegen – ist ein Instrument in Gleichheitskämpfen. Jede Quotenforderung ist ein Signal: schaut her, Frauen haben gleiche Rechte, aber die Gesellschaft verweigert ihnen die Teilhabe – und das ist Unrecht.

Gerade der Kampf um Entscheidungsmacht in der Politik oder Wirtschaft hat hohe Symbolkraft für jede Frauenrechtsbewegung. Gleichwohl ist es ein Fehler davon auszugehen, dass die Quotierung von Führungspositionen die entscheidende Stellschraube für Gleichstellung ist. Und dass eine größere Zahl von Frauen in Führungspositionen auf eine strukturelle Veränderung der Gesellschaft und auf mehr soziale Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit hinsteuern würde. Genau das aber hatten Frauenbewegungen seit den 1970er Jahren im Sinn.

Können Sie die Ziele und die Erfolge der sogenannten zweiten Frauenbewegung noch genauer benennen?

Der erste große Erfolg dieser Bewegungen, die sich Ende der 60er formierten, war der Eklat, der Skandal, nämlich das Private öffentlich zu machen. Machtverhältnisse in den eigenen vier Wänden, Sexualität, Gewalt, lesbische Liebe und die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung wurden zum Politikum gemacht und in politische Forderungen übersetzt: Recht auf Abtreibung, Schutz vor Gewalt in der Familie, neue Ehe- und Scheidungsgesetze.

Der zweite große Erfolg war, dass durch die Strategie des Drucks von unten und von der Straße her Gleichstellungspolitik institutionalisiert wurde. In der Bundesrepublik geschah das mit einer Vielzahl gesetzlicher Regelungen, die Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen verhindern sollten, durch ein entsprechendes Ministerium und flächendeckend durch die Einrichtung von Gleichstellungsbeauftragten.

Warum aber gibt es, trotz dieser Errungenschaften, gerade im Wirtschaftsbereich immer noch eine so krasse Ungleichbehandlung von Frauen und Männern?

Das zentrale Ziel der globalisierten kapitalistischen Ökonomie ist, durch Produktivitätssteigerung und durch Kostensenkung Profite zu machen. Frauen wurden in den vergangenen Jahrzehnten stark in transnationale Wertschöpfungsketten integriert, aber zu ungleichen Bedingungen. Sie sind weltweit die Prototypen der Billiglohnarbeiterinnen in den Exportfabriken, die flexiblen Dienstleisterinnen, die Mini-Joberinnen, die Kleinbäuerinnen, die migrantischen Hausangestellten. Und selbst, wo sie besser ausgebildet und in der IT-Branche oder im Management in mittlere Positionen aufgestiegen sind, werden sie schlechter als die Männer bezahlt. Das heißt, dieses Wirtschaftssystem nutzt die Geringbewertung von Frauenarbeit und die Vorstellung, dass sie nur „Zuverdienerinnen“ sind, um sie in die höchst ungleichen Strukturen zu integrieren.

Warum ist die Gewalt gegen Frauen nicht deutlich zurückgegangen?

Weil die Ursachen für Gewalt nicht zurückgegangen sind, von der Aggression und dem Frust im Alltag bis zu kriegerischen Konflikten, die macho- und gewaltförmig in Unterwerfung und Eroberung übersetzt werden. Gewalt gegen Frauen wird es solange geben, wie Frauen als die „Anderen“, Schwächeren, Minderwertigen gelten, als diejenigen, die sich unterordnen sollen und nicht aus den zugewiesenen Rollen fallen sollen.

Frauenrechtsbewegungen haben seit den 1970er Jahren parallel auf nationaler und internationaler Ebene für bessere Lebenschancen für Frauen gekämpft. Was haben diese, global gesehen, erreicht?

Gleichstellungserfolge sind weltweit primär im Bildungsbereich und auf der gesetzlichen Ebene zu verzeichnen. Vergewaltigung in der Ehe, Genitalverstümmelung von Mädchen und „Ehrenmorde“ sind nun in vielen Ländern strafbar. Doch die de-jure-Gleichheit übersetzt sich nur äußerst langsam in de-facto-Gleichstellung im ökonomischen, sozialen und politischen Bereich. Mehr Frauen sind in den Erwerbsarbeitsmarkt eingebunden, aber meist in prekäre, schlecht bezahlte und unsichere Jobs. Frauen tragen einen überproportionalen Anteil der Kosten für den Abbau öffentlicher Leistungen und sozialer Ausgaben, vor allem im Gesundheitsbereich. Mehr Frauen sitzen – meist mithilfe von Quoten - in Parlamenten, aber nicht in politischen Machtpositionen. Weltweit betrachtet konnten Frauenarmut und Gewalt gegen Frauen nicht reduziert werden. Auch bestehen noch viele – teils auch neue – Formen von Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Dennoch haben junge Frauen in vielen Ländern heute Möglichkeiten, von denen ihre Großmütter nur geträumt haben.

Zwischen engagierten Frauen aus dem Norden und denen aus dem Süden gab es von Anbeginn an auch Konflikte: Welche waren das?

Frauen aus dem Süden haben den Führungsanspruch der Feministinnen aus dem Norden zurückgewiesen - völlig zurecht. Die Nordfeministinnen sahen die „Dritt-Welt-Frau“ als die unemanzipierte „Andere“ und als Opfer von Unterdrückung und Patriarchat, forderten sie aber zu einer „Verschwisterung“ auf. Daraufhin verweigerte sich die indische Literaturwissenschaftlerin und Theoretikerin des Postkolonialismus Gayatri Spivak : „I am not a sister.“ Frauen aus dem Süden bestanden auf ihre eigenen Feminismen, die auch die Ungleichheiten zwischen Norden und Süden und die Unterschiede unter Frauen thematisieren und den lokalen Lebensbedingungen und Geschlechtsverhältnissen im globalen Süden angepasst sind.

Dennoch haben sich die Frauenbewegungen auch im Süden auf die Menschenrechte bezogen und waren sich mit den Nordfrauen einig in der Einforderung von Frauenrechten?

Das Konzept von Frauen-/Menschenrechten diente den Frauenorganisationen als Bezugsrahmen für die „strategische“, zielgerichtete Verschwisterung bei den Konferenzen der Vereinten Nationen. Das bedeutet zweierlei: Frauen sind erstens als vollwertige Bürgerinnen Rechtssubjekte und haben gleiche Rechtsansprüche wie Männer. Aber es muss zweitens auch frauenspezifische Rechte geben, z.B. Schutz vor männlicher Gewalt, die als geschlechtsspezifische Menschenrechte anzuerkennen sind. Hier geht es um die Anerkennung von Differenz.

Der Rechtsansatz führte zu einem neuen Selbstverständnis der Frauen und zu einer anderen Fremdwahrnehmung: Frauen traten nun als Trägerinnen eines allgemeinen Rechtsanspruchs auf, als zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Rechtssubjekte, nicht mehr primär als Bittstellerinnen und Bedürftige, wie dies im Entwicklungsdiskurs seit den 1970er Jahren stark der Fall gewesen war. Auf diese Weise wurde es möglich, Unrecht an Frauen und damit Herrschaftsverhältnisse sichtbar zu machen, gleichzeitig aber die Opferrolle zu überwinden und als Rechtssubjekte legitime Rechte einzufordern. So wirkte der Rechtsansatz wie ein universelles Verbundsystem für Frauenbewegungen.

Welche Bedeutung kam dann noch dem Konzept des Empowerment bzw Self-Empowerment zu?

Beim Empowerment-Konzept geht es im Kern um die Befähigung von machtschwachen Gruppen, eigene Interessen zu artikulieren, handlungsfähig zu werden und bestehende Machtverhältnisse zu verändern. Macht meint nicht Macht über andere, sondern Macht zu handeln. Macht wird positiv verstanden als Zugangs- und Kontrollrecht über Ressourcen sowie als Entscheidungsfähigkeit und Gestaltungsmöglichkeit vom Haushalt bis zur Politik, von der Kultur bis zur Wirtschaft. Schlüsselmechanismus im Prozess der Machtbildung ist die Organisierung. Kollektive Stärke gilt als Voraussetzung dafür, dass die Empowerment-Strategie ihren Anspruch auf Veränderung einlösen und Koordinaten der Macht im Geschlechterverhältnis sowie in innergesellschaftlichen und internationalen Beziehungen verschieben kann. Das ist von größter Bedeutung für Frauen im Süden, gilt aber auch immer noch für machtschwache Gruppen im Norden, wie Obama´s Wahlslogan „Yes, we can“ gezeigt hat.

Was können wir Frauen im Norden heute von den Frauenbewegungen im Süden lernen?

Bei Frauen im globalen Süden sehe ich aufgrund ihrer Not- und Unrechtssituationen noch eine große Wut und einen riesigen Mut aufzustehen und sich zu wehren. Dabei haben sie nicht nur partikulare Interessen im Sinn, sondern eine Vorstellung von „wir“ und Gemeinsamkeit. Denn bei Frauenkämpfen geht es immer um beides, zum einen um Umverteilung von Ressourcen, Macht und (Vor-)Rechten, zum anderen um Anerkennung als „vollwertige“ Person, Staatsbürgerin, Arbeiterin, Migrantin etc. Überall gibt es unter den jungen Frauen Karrierefeministinnen. Aber im Unterschied zum Norden sind im globalen Süden die Kämpfe der Frauen an der Basis immer noch sehr existenziell. Es geht um Brot, Reis oder Mais und Würde und wenn sie sich nicht zusammenschließen, haben sie keine Chance.

Das Interview führte Isabel Armbrust im April 2011

 

 


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