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Projektinfo 201 / Indien
Mahalakshmi lebt seit Ihrer Heirat im Dorf Madakulam. Sie ist die
dritte
Tochter eines Schusters. Ihre Eltern hatten die Hochzeit mit mit Ula
Ganathan,
einem Gemeindeangestellten aus dem nahe gelegenen Ort Andipatti,
arrangiert.
Sie waren froh, für Mahalakshmi überhaupt einen passenden Ehemann
gefunden zu haben. Einen, dessen Familie nur eine moderate Mitgift
verlangte.
Mahalakshmi ist heute 34 Jahre alt, hat einen Sohn und eine Tochter,
die sie
zur Schule schickt, damit sie eine bessere Zukunft haben. Seitdem
Mahalakshmis
Mann vor sieben Jahren an einer schweren
Infektion erkrankte, die er sich bei der Arbeit als
Latrinenreiniger zugezogen
hatte, musste sie seine Arbeiten mit übernehmen. In den meisten
südindischen
Dörfern ist diese Art n Sippenhaft noch heute üblich. Die
Kastenzugehörigkeit
bestimmt die Berufsgruppe und die ganze Familie wird automatisch
einem Arbeitsauftrag
zugerechnet.
Mahalakshmis heutige Familie gehört zu den von der Gemeinde
angestellten
Latrinenreinigern (indischer Kasten-Name: Arunthathiar Community). Im
Auftrag
der Gemeinden leeren sie die Plumpsklos in öffentlichen Gebäuden
und in den Häusern von Angehörigen höherer Kasten. Außerdem
sind sie verpflichtet, Dreck jeglicher Art wegzuräumen, also auch die
Exkremente von Wegrändern und freien Dorfflächen, die von
Dorfbewohnern
mangels eigener Toiletten zur Verrichtung ihrer Notdurft benützt
werden.
Die "Ausrüstung" der Latrinenreiniger besteht aus einem Stück
Pappe oder Blech und einem Eimer, in dem die Exkremente dann auf dem
Kopf
weggeschafft werden. Mit etwas Glück werden sie auch mit einem Besen
ausgestattet. Die Eimer sind oft löchrig, und ihr Inhalt rinnt am
Körper
hinunter. Angemessene Werkzeuge oder gar Schutzkleidung für diese
Menschen
erlaubt das Kastendenken nicht. Und die Gemeinden, die
Latrinenreiniger beschäftigen,
sehen daher keine Veranlassung, solches Arbeitsgerät zu stellen.
Aus Sicht vieler Dorfoberen sind "Arunthathiars" wie Mahalakshmis
Familie dafür zuständig, ohne Murren oder Ansprüche jede ihnen
zugeteilte Arbeit zu erledigen. Eine reguläre Bezahlung wird ihnen
oft
vorenthalten, und wenn sie sie einfordern, ernten sie Beschimpfungen.
Geld,
das eigentlich zur Verfügung stünde, fließt stattdessen in
die Taschen der Gemeinderatsmitglieder.
Dass offiziell nur Mahalakshmis Mann bei der Gemeinde angestellt ist,
ist
ihren Arbeitgebern völlig gleichgültig. Täglich zwischen 6
und 18 Uhr - solange es hell ist - geht Mahalakshmi ihrer Arbeit
nach, doch
häufig muss sie auf Befehl von Gemeindemitgliedern zusätzlich private
Arbeiten erfüllen.
Der Lohn, den Mahalakshmis Mann erhalten sollte, liegt bei 600 Rupien
(ca.12
Euro) und ist damit sehr niedrig. Bis vor kurzem (siehe unten) betrug
er sogar
nur 150 Rs. Ein Kilogramm Reis jedoch kostet auf dem Markt zwischen
10 und
20 Rs. Selbst jetzt, nach der Vervierfachung des Lohns, bleibt die
Ernährung
der Familie mangelhaft. Andere bezahlte Arbeiten zu übernehmen ist
Mahalakshmis
Familie verboten.
Wie Mahalakshmi geht es vielen Gemeindeangestellten aus den niedrigen
Kasten.
Sie sind auf Gedeih und Verderb den Dorfchefs ausgeliefert. Auf
Wünsche
oder Forderungen ihrer dorfeigenen Arbeiter reagieren diese mit
Drohungen
oder gar mit Bestrafung. Die Ansprache "He Latrinenreiniger" (obwohl
gesetzlich verboten) ist da noch die harmloseste Form der
Diskriminierung.
Es können Bedrohungen und Schläge folgen, sogar das Entkleiden und
Fesseln an einen Pfahl ist nicht unüblich.
Auch Mahalakshmis Kinder müssen viel erdulden. Häufig kommen sie
ganz verstört und verschüchtert aus der Schule zurück, weil
sie von anderen Schülern gehänselt erniedrigt oder ganz gemieden
werden. Sogar manche Lehrer ignorien kastenlose Kinder, die im
traditionellen
Kastendenken als unrein gelten.
Allein im Bundesstaat Tamil Nadu gibt es ca. 200.000 solcher
rechtlosen Gemeindearbeiter.
Zu ihnen gehören außer den Latrinenreinigern Leichenverbrenner
und Bediener von Wasserpumpen ("Pump Operators"). Die Gruppe ISM
(Institute for Selfmanagement) hat sich ihrer angenommen und versucht
seit
einigen Jahren ihr Schicksal zu bessern. Sie klärt sie darüber auf,
dass ihre Situation gegen jedes Gesetz steht. In Indien ist diese
traditionelle
Art manueller Latrinenreinigung verboten. Laut Gesetz stehen
GemeindearbeiterInnen
außerdem ein festes Gehalt und Arbeitsmittel sowie Schutzkleidungen
zu. Auch in Indien ist das Recht auf Lohnzahlungen,
Gehaltsforderungen oder
gewerkschaftliche Organisierung rechtlich verbrieft.
Dass sie überhaupt Rechte haben, ist der Mehrzahl der kastenlosen
GemeindearbeiterInnen
jedoch völlig unbekannt. Seit Jahrhunderten erleben sie eine
Situation
völliger Rechtlosigkeit und die Abhängigkeit von Dorfoberen. "Ich
wünsche keinem, dass er unsere Lebenssituation erleben muss" sagt
Naldraman, Straßenkehrer aus Abadiapuram. Da ist es schwer, den
Menschen
überhaupt begreiflich zu machen, dass sie für ihre Interessen
eintreten
dürfen. Und es ist ein mühsamer Weg. Denn die meisten Gemeinden
sind keinesfalls erfreut über plötzlich aufkeimendes
Selbstbewusstsein
bei ihren praktischen "Arbeitssklaven".
Dank der Arbeit von ISM hat sich in vielen Dörfern herumgesprochen,
dass
sich mit guter Unterstützung und mit viel neu erworbenem
Selbstvertrauen
die eigene Situation ändern lässt. Meist heimlich verlassen nun
einzelne ArbeiterInnen das Dorf und treffen sich mit den
MitarbeiterInnen
von ISM, um gemeinsame Aktionen zu planen.
Die Arbeit der vergangenen Jahre beginnt sich auszuzahlen. Auch
Mahalakshmis
Familie erhält heute bereits 600 Rupien im Monat. Dieser Betrag -
umgerechnet
12 Euro - ist zwar noch viel zu wenig für ein halbwegs würdiges
Leben, und das Geld kommt oft unregelmäßig. Dennoch ist das von
ISM Erreichte ein erster Schritt. Lokale Berufsverbände wurden
gegründet,
durch Demonstrationen und Eingaben Veränderungen und
Gerichtsentscheide
erkämpft. Es dauerte lange, bis auch die Presse sich dieses
unbeliebten
Themas annahm. Vor wenigen Wochen konnten zwei Leichenverbrenner ihre
offizielle
Anerkennung als Gemeindearbeiter erstreiten. Neben regulären,
allerdings
weiterhin zu niedrigen Arbeitslöhnen stehen ihnen nun Schutzkleidung
und Werkzeugbenutzung zu.
Nicht nur ISM
in Südindien hat sich des Themas angenommen. Das bekannte
indische Magazin Frontline hat ein Schwerpunktheft zu dem Thema
herausgegeben,
Titel: "Indiens Schande"(Vol.23: No.18). In sechs indischen
Bundesstaaten
wollen demnächt Latrinenreiniger in den Streik treten, um ihre
Situation
öffentlich zu machen und um diese zu verändern. Sie erhalten dabei
auch von Deutschland aus Rückendeckung. Zum Beispiel unterstützt
die Plattform "Dalit Solidarität in Deutschland" (DSiD) die
Aktion.
Für viele indische Städte und Gemeinden sind solche Streiks ein
Horrorszenarium. Unzählige städtische Mittelschicht-Haushalte nutzen
lieber die billigen ArbeiterInnen (laut indischer Regierung ca.
700.000 Menschen)
als sich um Wasserspülungen und einen Anschluss an das
Kanalisationsnetz
zu kümmern.
Der indischen Regierung wird die öffentliche Diskussion solcher
Menschenrechtsverletzungen
in ihren Gemeindeverwaltungen höchst unangenehm sein.
Die ASW hält eine solche Öffentlichkeit für einen zusätzlichen
Weg, Mahalakshmi und ihrer Familie auf dem Weg zu einem
menschenwürdigen
Leben beizustehen. Wir werden Mahalakshmi und ISM in Indien weiter
mit Spenden
unterstützen und ihr Anliegen auch hier in Deutschland vorantreiben.
Engagieren auch Sie sich!
| Kennwort: Perspektivenfonds Indien Kenn-Nr.: 9091 Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt | |
| Bank für Sozialwirtschaft | |
| Kto. 1250700 BLZ 10020500
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IBAN: DE69100205000001250700 BIC/SWIFT: BFSWDE33BER
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