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Projektinfo 201 / Indien

Erste Erfolge im Kampf gegen menschenverachtende Arbeitsbedingungen

ISM kämpft für die Rechte von 200.000 kastenlosen Arbeitssklaven in 12.500 Gemeinden Tamil Nadus

Mahalakshmi lebt seit Ihrer Heirat im Dorf Madakulam. Sie ist die dritte Tochter eines Schusters. Ihre Eltern hatten die Hochzeit mit mit Ula Ganathan, einem Gemeindeangestellten aus dem nahe gelegenen Ort Andipatti, arrangiert. Sie waren froh, für Mahalakshmi überhaupt einen passenden Ehemann gefunden zu haben. Einen, dessen Familie nur eine moderate Mitgift verlangte.
Mahalakshmi ist heute 34 Jahre alt, hat einen Sohn und eine Tochter, die sie zur Schule schickt, damit sie eine bessere Zukunft haben. Seitdem Mahalakshmis Mann vor sieben Jahren an einer schweren

Infektion erkrankte, die er sich bei der Arbeit als Latrinenreiniger zugezogen hatte, musste sie seine Arbeiten mit übernehmen. In den meisten südindischen Dörfern ist diese Art n Sippenhaft noch heute üblich. Die Kastenzugehörigkeit bestimmt die Berufsgruppe und die ganze Familie wird automatisch einem Arbeitsauftrag zugerechnet.
Mahalakshmis heutige Familie gehört zu den von der Gemeinde angestellten Latrinenreinigern (indischer Kasten-Name: Arunthathiar Community). Im Auftrag der Gemeinden leeren sie die Plumpsklos in öffentlichen Gebäuden und in den Häusern von Angehörigen höherer Kasten. Außerdem sind sie verpflichtet, Dreck jeglicher Art wegzuräumen, also auch die Exkremente von Wegrändern und freien Dorfflächen, die von Dorfbewohnern mangels eigener Toiletten zur Verrichtung ihrer Notdurft benützt werden.
Die "Ausrüstung" der Latrinenreiniger besteht aus einem Stück Pappe oder Blech und einem Eimer, in dem die Exkremente dann auf dem Kopf weggeschafft werden. Mit etwas Glück werden sie auch mit einem Besen ausgestattet. Die Eimer sind oft löchrig, und ihr Inhalt rinnt am Körper hinunter. Angemessene Werkzeuge oder gar Schutzkleidung für diese Menschen erlaubt das Kastendenken nicht. Und die Gemeinden, die Latrinenreiniger beschäftigen, sehen daher keine Veranlassung, solches Arbeitsgerät zu stellen.
Aus Sicht vieler Dorfoberen sind "Arunthathiars" wie Mahalakshmis Familie dafür zuständig, ohne Murren oder Ansprüche jede ihnen zugeteilte Arbeit zu erledigen. Eine reguläre Bezahlung wird ihnen oft vorenthalten, und wenn sie sie einfordern, ernten sie Beschimpfungen. Geld, das eigentlich zur Verfügung stünde, fließt stattdessen in die Taschen der Gemeinderatsmitglieder.
Dass offiziell nur Mahalakshmis Mann bei der Gemeinde angestellt ist, ist ihren Arbeitgebern völlig gleichgültig. Täglich zwischen 6 und 18 Uhr - solange es hell ist - geht Mahalakshmi ihrer Arbeit nach, doch häufig muss sie auf Befehl von Gemeindemitgliedern zusätzlich private Arbeiten erfüllen.
Der Lohn, den Mahalakshmis Mann erhalten sollte, liegt bei 600 Rupien (ca.12 Euro) und ist damit sehr niedrig. Bis vor kurzem (siehe unten) betrug er sogar nur 150 Rs. Ein Kilogramm Reis jedoch kostet auf dem Markt zwischen 10 und 20 Rs. Selbst jetzt, nach der Vervierfachung des Lohns, bleibt die Ernährung der Familie mangelhaft. Andere bezahlte Arbeiten zu übernehmen ist Mahalakshmis Familie verboten.
Wie Mahalakshmi geht es vielen Gemeindeangestellten aus den niedrigen Kasten. Sie sind auf Gedeih und Verderb den Dorfchefs ausgeliefert. Auf Wünsche oder Forderungen ihrer dorfeigenen Arbeiter reagieren diese mit Drohungen oder gar mit Bestrafung. Die Ansprache "He Latrinenreiniger" (obwohl gesetzlich verboten) ist da noch die harmloseste Form der Diskriminierung. Es können Bedrohungen und Schläge folgen, sogar das Entkleiden und Fesseln an einen Pfahl ist nicht unüblich.
Auch Mahalakshmis Kinder müssen viel erdulden. Häufig kommen sie ganz verstört und verschüchtert aus der Schule zurück, weil sie von anderen Schülern gehänselt erniedrigt oder ganz gemieden werden. Sogar manche Lehrer ignorien kastenlose Kinder, die im traditionellen Kastendenken als unrein gelten.

 

Hoffnungszeichen

Allein im Bundesstaat Tamil Nadu gibt es ca. 200.000 solcher rechtlosen Gemeindearbeiter. Zu ihnen gehören außer den Latrinenreinigern Leichenverbrenner und Bediener von Wasserpumpen ("Pump Operators"). Die Gruppe ISM (Institute for Selfmanagement) hat sich ihrer angenommen und versucht seit einigen Jahren ihr Schicksal zu bessern. Sie klärt sie darüber auf, dass ihre Situation gegen jedes Gesetz steht. In Indien ist diese traditionelle Art manueller Latrinenreinigung verboten. Laut Gesetz stehen GemeindearbeiterInnen außerdem ein festes Gehalt und Arbeitsmittel sowie Schutzkleidungen zu. Auch in Indien ist das Recht auf Lohnzahlungen, Gehaltsforderungen oder gewerkschaftliche Organisierung rechtlich verbrieft.
Dass sie überhaupt Rechte haben, ist der Mehrzahl der kastenlosen GemeindearbeiterInnen jedoch völlig unbekannt. Seit Jahrhunderten erleben sie eine Situation völliger Rechtlosigkeit und die Abhängigkeit von Dorfoberen. "Ich wünsche keinem, dass er unsere Lebenssituation erleben muss" sagt Naldraman, Straßenkehrer aus Abadiapuram. Da ist es schwer, den Menschen überhaupt begreiflich zu machen, dass sie für ihre Interessen eintreten dürfen. Und es ist ein mühsamer Weg. Denn die meisten Gemeinden sind keinesfalls erfreut über plötzlich aufkeimendes Selbstbewusstsein bei ihren praktischen "Arbeitssklaven".
Dank der Arbeit von ISM hat sich in vielen Dörfern herumgesprochen, dass sich mit guter Unterstützung und mit viel neu erworbenem Selbstvertrauen die eigene Situation ändern lässt. Meist heimlich verlassen nun einzelne ArbeiterInnen das Dorf und treffen sich mit den MitarbeiterInnen von ISM, um gemeinsame Aktionen zu planen.
Die Arbeit der vergangenen Jahre beginnt sich auszuzahlen. Auch Mahalakshmis Familie erhält heute bereits 600 Rupien im Monat. Dieser Betrag - umgerechnet 12 Euro - ist zwar noch viel zu wenig für ein halbwegs würdiges Leben, und das Geld kommt oft unregelmäßig. Dennoch ist das von ISM Erreichte ein erster Schritt. Lokale Berufsverbände wurden gegründet, durch Demonstrationen und Eingaben Veränderungen und Gerichtsentscheide erkämpft. Es dauerte lange, bis auch die Presse sich dieses unbeliebten Themas annahm. Vor wenigen Wochen konnten zwei Leichenverbrenner ihre offizielle Anerkennung als Gemeindearbeiter erstreiten. Neben regulären, allerdings weiterhin zu niedrigen Arbeitslöhnen stehen ihnen nun Schutzkleidung und Werkzeugbenutzung zu.

 

Den streikenden Gemeindearbeitern den Rücken stärken

Nicht nur ISM in Südindien hat sich des Themas angenommen. Das bekannte indische Magazin Frontline hat ein Schwerpunktheft zu dem Thema herausgegeben, Titel: "Indiens Schande"(Vol.23: No.18). In sechs indischen Bundesstaaten wollen demnächt Latrinenreiniger in den Streik treten, um ihre Situation öffentlich zu machen und um diese zu verändern. Sie erhalten dabei auch von Deutschland aus Rückendeckung. Zum Beispiel unterstützt die Plattform "Dalit Solidarität in Deutschland" (DSiD) die Aktion.
Für viele indische Städte und Gemeinden sind solche Streiks ein Horrorszenarium. Unzählige städtische Mittelschicht-Haushalte nutzen lieber die billigen ArbeiterInnen (laut indischer Regierung ca. 700.000 Menschen) als sich um Wasserspülungen und einen Anschluss an das Kanalisationsnetz zu kümmern.
Der indischen Regierung wird die öffentliche Diskussion solcher Menschenrechtsverletzungen in ihren Gemeindeverwaltungen höchst unangenehm sein.
Die ASW hält eine solche Öffentlichkeit für einen zusätzlichen Weg, Mahalakshmi und ihrer Familie auf dem Weg zu einem menschenwürdigen Leben beizustehen. Wir werden Mahalakshmi und ISM in Indien weiter mit Spenden unterstützen und ihr Anliegen auch hier in Deutschland vorantreiben. Engagieren auch Sie sich!

Kennwort: Perspektivenfonds Indien
Kenn-Nr.: 9091

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
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