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Projektinfo 206 / Brasilien
Am 1. Januar 2008 wurde der Jugendliche Andreu L. Carvalho da Silva in den Räumlichkeiten der DEGASE in Rio de Janeiro brutal ermordet. Sechs Vertreter der DEGASE folterten Andreu vor seinem Tod mit Tischen, Stühlen, Besen und anderen Werkzeugen. Die Aufgabe der staatlichen brasilianischen Einrichtung DEGASE ist eigentlich die Resozialisierung von jugendlichen Straftätern.
Bis heute sind Andreus Mörder auf freiem Fuß; fünf von ihnen arbeiten noch immer mit Jugendlichen, die sich in der Obhut der DEGASE befinden. Nur etwa ein Jahr später wurde Andreus Cousin, Jonathan Monteiro do Rego da Silva in einer Favela in Rio de Janeiro von der Polizei ermordet. Gleichzeitig wurde Andreus 15-jährige Schwester Lorraine Ferreira da Silva von einem Polizisten überfallen und brutal misshandelt.
Um diese schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten, besucht Andreus Mutter, Deise Silva de Carvalho, seit 2008 Workshops der Menschenrechtsorganisation Justiça Global. Dort erhielt sie psycho-soziale Betreuung für sich und ihre Kinder sowie Informationen über ihre Rechte als Angehörige. Deise nimmt seitdem an Aktivitäten teil, die von Opfern staatlicher Gewalt gemeinsam organisiert werden, und zeigt Menschenrechtsverletzungen in ihrem Umfeld an.
Angehörige von Gefängnisinsassen sind in Brasilien in vielfacher Hinsicht diskriminiert. Sie müssen nicht nur mit einer inakzeptablen Behandlung in den Gefängnissen kämpfen, sondern auch mit Vorurteilen in ihrem gesamten sozialen Umfeld. Viele verlieren ihre Arbeitsstelle, nachdem jemand aus der Familie inhaftiert wurde. Und alle müssen sich polizeilich registrieren lassen.
Besonders hart trifft es Familien, die in den Armenvierteln auf den Hügeln Rio de Janeiros - den Favelas - leben. Gelten diese in der öffentlichen Meinung doch ohnehin als „Brutstätte für Kriminelle“. Angehörige von Inhaftierten stehen bei der Polizei pauschal unter Verdacht; Menschenrechtsverletzungen und staatliche Gewalt gegen sie erscheinen automatisch legitimiert.
Immer mehr Familien sind davon betroffen, denn die Zahl der Häftlinge in brasilianischen Gefängnissen steigt ständig. „In einem Prozess der Kriminalisierung von Armut werden Gesetzesverstöße mit immer strengeren Strafen belegt“, stellt Camilla Ribeiro, Mitarbeiterin von Justiça Global, fest. Fast alle Gefängnisinsassen sind arm, schwarz und häufig auch Analphabeten. Letztlich führt die Gleichsetzung von Armut mit Kriminalität dazu, dass es schon ausreicht, in einer Favela zu wohnen, um als kriminell zu gelten.
Extreme Überbelegung, dürftige Ausstattung z.B. mit Sanitäranlagen, Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen kriminellen Fraktionen und Gewalt durch Gefängnisbeamte bestimmen den Alltag in brasilianischen Gefängnissen. Brasilien weist weltweit die viertgrößte Anzahl an Gefängnisinsassen auf. Zurzeit befinden sich 440.000 Menschen in Haftanstalten, die gebaut wurden, um maximal 255.000 Häftlinge aufzunehmen. Fast 190.000 von ihnen wurden noch nicht rechtmäßig verurteilt.
„Die Haftanstalten sind echte Menschendeponien“, kritisiert Camilla Ribeiro von Justiça Global. Pflichtverteidiger stehen nicht in ausreichender Anzahl zur Verfügung, die Häftlinge haben keinen juristischen Beistand und viele werden nicht entlassen, obwohl sie bereits ihre Strafe abgesessen haben. Da Resozialisierungsprogramme mit Arbeits- und Fortbildungsangeboten sehr selten sind, sind die Angehörigen der Gefangenen für ihre Rückkehr in den Alltag äußerst wichtig.
Diesen Angehörigen die Zuversicht zu geben, dass sie Respekt verdienen und etwas verändern können, ist eines der wichtigsten Ziele der Workshops von Justiça Global. Die Familien der Häftlinge kennen die Willkür und Rechtsverletzungen in den Gefängnissen oft sehr genau. Wenn sie über Gesetze, Verträge und Vorschriften informiert sind und sich ausreichend unterstützt fühlen, können sie Menschenrechtsverletzungen in den Gefängnissen anzeigen und gleichzeitig das Menschenrechtsbewusstsein in ihrem Umfeld stärken.
Die Nichtregierungsorganisation Justiça Global ermöglicht Angehörigen von Gefangenen, Opfern von Gewalt, lokalen Menschenrechtsorganisationen und sozialen Bewegungen aus den Favelas, Mechanismen zum Schutz der Menschenrechte kennenzulernen. In Kursen, die einmal pro Woche stattfinden, können sich die Teilnehmenden über das brasilianische Rechtssystem informieren.
„Durch Unterstützung, Beratung und Kontakt mit anderen Betroffenen merken sie, dass ihre Situation nicht nur ein persönliches Problem, sondern eine soziale Realität ist“, stellt Camilla Ribeiro fest. Die gemeinsame Ausbildung und das Wissen über Bürgerrechte, Menschenrechte und Gerechtigkeit stärkt ihr Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich in der Lage, ihre Rechte einzuklagen und auch andere dabei zu unterstützen und zu orientieren.
Rund 60 Menschen haben seit Ende 2004 an diesem Projekt teilgenommen. Als Multiplikatoren geben sie inzwischen ihre Erfahrung und ihr Wissen an andere Betroffene weiter. Auch nach dem Ende des Kurses treffen sich die Teilnehmer alle zwei Monate, um die Kontinuität ihrer Menschenrechtsarbeit zu sichern.
Außerhalb dieses Projekts setzt sich Justiça Global auf zahlreichen anderen Wegen für die Verteidigung der Menschenrechte in Brasilien ein: Erfährt die Organisation von schweren Menschenrechtsverletzungen, so entsendet sie schnell und unbürokratisch ein Team von Anwälten und Journalisten, das vor Ort eigene Recherchen durchführt. Sie sucht aktiv die Unterstützung durch internationale Menschenrechtsorganisationen. Besonders schwere Fälle bringt Justiça Global vor internationale Menschenrechtsorgane, wie den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte oder die Vereinten Nationen. Lobby- und Advocacy-Arbeit sowie Medienkampagnen tragen ebenfalls zu einer Verbesserung der Menschenrechtssituation in Brasilien bei.
Stärken Sie gemeinsam mit Justiça Global die Menschenrechte in Brasilien:
| Kennwort: Perspektivenfonds Brasilien Kenn-Nr.: 6001 Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt | |
| Bank für Sozialwirtschaft | |
| Kto. 1250700 BLZ 10020500
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IBAN: DE69100205000001250700 BIC/SWIFT: BFSWDE33BER
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