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Aktionsgemeinschaft
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Die
wachsende Nachfrage nach Agrokraftstoffen hat weltweit gravierende Auswirkungen.
Für die Entwicklungspolitik stehen die sozialen und ökologischen
Folgen im Zentrum der Debatte.
Die Gefahr, dass Wald, Wiesen oder Brachland unter "Verwertungsdruck"
geraten, dass es zu einer "Flächenkonkurrenz" zwischen Nahrungsmitteln
und Brennstoffen kommt, gibt Anlass zu überprüfen, wie es um den
Schutz kleinbäuerlicher Gemeinschaften bestellt ist. In Brasilien gibt
es Millionen Hektar so genannter "terras devolutas" - Land, das
niemandem gehört. Dieses Land ohne Besitztitel wird allerdings häufig
über Generationen von Menschen, die dort leben, genutzt. Ein Beispiel
dafür ist Quilombo-Land.
Was sind Quilombos? Die Bezeichnung "Siedlung entflohener, ehemaliger Sklaven" oder "Wehrdorf" ist überholt. "Quilombos sind diejenigen Gemeinschaften, die sich selbst als solche definieren" - so will es ein Dekret von 2003 (4.887/03), das den Artikel 68 der brasilianischen Verfassung von 1988 über kollektive Rechte auskleidet. Doch schon gibt es Versuche, dieses neue Recht zu kippen.
Genau 120 Jahre ist es her, dass die Sklaverei in Brasilien offiziell abgeschafft wurde (1888) und seitdem wurden ehemalige Sklaven ohne Land und ohne Einkommen sich selbst überlassen. Was brasilianische Schulkinder noch immer als "Befreiung" erklärt bekommen, war auch ein Akt des "Vor-die-Tür-Setzens" der afro-brasilianischen Bevölkerung. Dieses Unrecht könnte jetzt beglichen werden, wenn Quilombolas endlich Landtitel und damit ein Schutzinstrument gegen die fortschreitende Vereinnahmung ihres Landes erhielten.
In Brasilien gibt es laut Regierung 3.250 Quilombos mit ca. 2,5 Mio EinwohnerInnen.
Ein nationales Regierungsprogramm zur Förderung dieser afro-brasilianischen
Gemeinschaften wurde eingerichtet. Dennoch werden Schwarzengemeinschaften
aus diesem Programm kaum gefördert. Vielmehr erlebten sie 2007 eine diffamierende
Kampagne gegen sich und ihren Lebensstil. Medien wie TV Globo zitierten Abgeordnete,
Anthropologen und Umweltschützer, die den Quilombolas illegale
Landbesetzung undRaffgier bis hin zu Umweltzerstörung unterstellten.
Der wesentliche Grund für solche Diffamierungen ist die Landfrage. Brasiliens
eklatante innergesellschaftliche Ungleichheit wurzelt in der ungerechten Verteilung
von Land und schreibt sich bis heute in dieser fort. Je mehr Land und Wasser
zur Ware werden und je stärker agroindustrielle Unternehmen Land nachfragen
- z.B. zum Anbau von Soja, Zuckerrohr, Zellulose (Papier) und anderen Plantagenprodukten
- desto schärfer werden auch die Auseinandersetzungen zwischen Landbesitzern
und Landnutzern. Gerade mal 73 Quilombos sind bisher tatsächlich per
Landtitel anerkannt. Alle anderen befinden sich in Rechtsunsicherheit; die
Bewohner sind häufig von dem ihnen zustehenden Land vertrieben.
So zum Beispiel in der Region Alcântara, wo der ASW-Projektpartner MABE arbeitet. Unter der Militärregierung wurden dort die Bewohner der Quilombos vertrieben, um Platz für eine militärische Raumfahrtbasis zu machen. Über die Hälfte des seit Generationen von Quilombolas bewohnten Gebiets, insbesondere der Küstenzugang und die fruchtbaren Landstücke in Flussnähe, wurde als Sicherheitszone abgeriegelt und der Zugang für die Bewohner verboten. Damit sind lebenswichtiger Feldbau, Sammelwirtschaft und Fischfang nicht mehr ausreichend möglich.
Ein anderes Beispiel ist der Quilombo Linharinho im Bundesstaat Espirito Santo. Diese seit langem mit dem Papierkonzern Aracruz Cellulose im Konflikt stehende und bereits gewaltsam von ihrem Land vertriebene Schwarzengemeinschaft hat es nach langem juristischen Ringen geschafft, als rechtmäßiger Nutzer des Landes anerkannt zu werden. Aracruz übernahm 1970 (während der Militärdiktatur) das Land, für das die Bewohner keinen Titel besaßen. Seitdem haben dünger- und pestizidintensive Eukalyptusmonokulturen der Landwirtschaft der Quilombolas das Wasser entzogen, ihr Trinkwasser verseucht sowie die Biodiversität erheblich zerstört.
Zuvor hatte der Konzern die Identität der Quilombolas angezweifelt und
sich vor allem darauf berufen, dass die Gemeinschaft weder anthropologische
Nachweise über ihre Identität noch Nachweise über die Jahrzehnte
lange Landnutzung habe.
Eine solche eng gefasste "ethnische" Definition als Zugangsrecht
befürworten auch Parlamentarier, die das Agrobusiness vertreten und durch
eine Gesetzesinitiative (44/2007) versuchen, das verfassungsmäßige
Recht der Quilombolas wieder auszuhöhlen.
Doch laut gültigem Dekret muss weder die dauerhafteBesiedlung noch die 'ethnische' Identität der Quilombolas nachgewiesen werden, um das verlorene Land zurück zu fordern. Entscheidend ist danach viel mehr, dass es sich um das Land einer definierten "traditionellen Bevölkerung" handelt: "Gruppen, die sich kulturell von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und sich selbst als solche definieren, die über eigene Formen der sozialen Organisation verfügen, die Land und natürliche Ressourcen zwingend für ihr kulturelles, soziales, religiöses, spirituelles und wirtschaftliches Fortbestehen benötigen und dafür Wissen und Praktiken benutzen, die aus der Überlieferung entstanden sind und als Tradition weitergegeben werden."
Damit umfasst dieses Dekret die Lebensrealität vieler Quilombos: Zwar ist die überwältigende Mehrheit der Quilombolas schwarz, aber es gibt darunter ebenso indigene bzw. andere ethnisch nicht eindeutig zu definierende BewohnerInnen, die ebenfalls über Generationen gemeinschaftlich von dem Land leben. Sie in Quilombolas und "andere" zu unterteilen, bringt vor allem eins: Streit.
Der Anthropologe Wagner de Almeida sieht Quilombolas deshalb auch in diesem Kontext als Personen, die für ihr Überleben auf den Zugang zu Land unmittelbar angewiesen sind, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Es geht nicht um 'ethnische' Abgrenzung zwischen armen Schwarzen, Indigenen und Weißen, sondern - unabhängig von der Hautfarbe - um die Bewahrung eines Lebens- und Überlebensstils, der in Brasilien zu verschwinden droht: Die gemeinschaftlich organisierte kleinbäuerliche Landwirtschaft, die ihre eigenen Lebensmittel produziert und Ernteüberschüsse und eigene Tierbestände vorrangig lokal tauscht. Im Gegensatz zu denjenigen, die Quilombolas ihr besonderes Anrecht auf Schutz grundsätzlich absprechen wollen, betont Wagner die Notwendigkeit, diese ländliche Lebensweise gerade aufgrund ihrer sozialen und ökologischen Verträglichkeit zu bewahren. "Entscheidend ist, dass hier über Generationen friedlich zusammen gelebt und gewirtschaftet wird".
Wagner de Almeida steht damit ganz im Einklang mit den Einschätzungen des UN-Sonderbeauftragten für das Recht auf Wohnraum und des brasilianischen Beobachters für dieses Menschenrecht sowie mit der bewusst weiter gefassten ILO-Konvention 169.
Beide Berichterstatter besuchten die Quilombos von Alcântara im Bundesstaat Maranhão, wo sie die Menschenrechte der Quilombolas erheblich verletzt sehen. Durch die fehlenden Landtitel und die bereits erfolgten wie drohenden Vertreibungen der BewohnerInnen werden im Besonderen ihr Recht auf Ernährung und adäquaten Wohnraum missachtet. Befragungen der Quilombolas ergaben, dass 76 Prozent ihrer Kinder bis zu fünf Jahren unterernährt sind, dass 90 Prozent aus Familien mit einem Haushaltseinkommen unter 150 € stammen und dass 97 Prozent in Häusern ohne Abwasserentsorgung leben..
Militär und Agrarkonzerne sind jedoch nicht die einzigen, die Quilombolas ihre Landrechte streitig machen. Auch unter meist weißen, gut situierten Umweltschützern gibt es wenig Verständnis für die Schwarzengemeinschaften."Der Park Serra do Mar im Bundesstaat São Paulo könnte an die Nutzung durch die Quilombolas verloren gehen" befürchtet Carla di Cologna vom Umweltportal "O Eco". Sie würden "darin touristische Aktivitäten initiieren wollen" und würden "das Land illegal weiter verkaufen." Vor "drohender Verslumung" warnte auch TV- Globo für den Fall, dass den Quilombo-BewohnerInnen der Insel Marabaia (Rio de Janeiro) ihr Recht dort zu wohnen zugesprochen würde. Dass es beide "ökologische Paradiese" ohne die Präsenz der Quilombolas wohl kaum mehr gäbe, bleibt unerwähnt. Und genau die Größe des Gebiets ermöglicht erst den Fortbestand dieses Lebensstils.
In Alcântara ist die Landfrage weiter offen: Dank der Eigeninitiative
ihrer Selbstvertretung MABE scheint ein Kollektivtitel nah. Das letzte Jahr
nutzen die BewohnerInnen u.a. für Versammlungen, um sich geeignete Selbstverwaltungsformen
zu überlegen. Sie gründeten sogar schon eine eigene Bank und vermitteln
Schulungen in verschiedenen Einkommen schaffenden Maßnahmen. Andererseits
zeigt sich das Militär davon völlig ungerührt und plant weiter
den Ausbau der Raumfahrtstation.
Tina Kleiber
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