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Projektinfo 197 / Brasilien

Mit oder ohne Regierung - MABE schreitet voran

Eliane ist früh auf den Beinen. Lange vor dem Morgengrauen begibt sie sich zum Dorfanger, wo schon der Motor des Transporters brummt. Über Sandstraßen rumpelnd, bringt er sie und andere Jugendliche aus Canelatiua in die Bezirksstadt Alcântara im nördlichen Bundesstaat Maranhão, wo die feierliche Gründung der "Sozialen Interessengemeinschaft der quilombo-Jugend " stattfindet. Zehn Monate lang wird Eliane gemeinsam mit 500 anderen jungen Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren aus Bundesmitteln geförderte Weiterbildungen absolvieren, die ihnen den Einstieg ins Arbeitsleben erleichtern sollen.
Bei den Programmen wird besonders darauf geachtet, die kleinbäuerliche Lebensrealität der Jugendlichen mit einzubeziehen und ihnen die spezifische Geschichte der Region als Gebiet von Schwarzengemeinschaften zu vermitteln. Durch die Stärkung ihrer Identität und durch Schaffung von Zukunftsperspektiven soll der verbreiteten Landflucht begegnet werden. Initiiert und begleitet wird die Maßnahme vom ASW-Projektpartner MABE. Die Jugendlichen sind Hoffnungsträger einer gerechteren Zukunft für die BewohnerInnen von Alcântara - und die Durchführung des Jugendförderprojekts ist einer der bislang größten Erfolge des vielfältigen Engagements von MABE für die traditionelle quilombola- Bevölkerung.

 

Raumfahrtbasis auf Kosten von Quilombolas

Quilombolas, das sind Nachfahren afrikanischer SklavInnen, die mit dem Niedergang der Plantagenwirtschaft Gemeinschaften gründeten, welche sich durch kollektive Substistenzwirtschaft auszeichnen. Ihnen wurde als Wiedergutmachung für das Unrecht der Sklaverei in der brasilianischen Verfassung von 1988 das kollektive Besitz- und Verwaltungsrecht für das Land zugesprochen, auf dem sie leben.
Obgleich offiziell festgeschrieben, wird das Landbesitzrecht der quilombolas von Alcântara jedoch seit Jahren mit Füßen getreten. Noch unter der Militärdiktatur wurden in den 1980er Jahren Teile des Bezirks per Dekret für den Bau einer Raumfahrtbasis enteignet. Die anschließende Zwangsumsiedlung in so genannte agrovilas (Modelldörfer) hinterließ jedoch ihre Spuren: Abwanderung in städtische Slums und damit einhergehender Verlust kultureller Identität, Verschuldung und zuvor nicht da gewesene wirtschaftliche Abhängigkeiten (s. SW 184 und PI 187 + 189).

 

MABE erstreitet Verbesserungen…..

Als 2001 Pläne zur Ausweitung der Raumfahrtstation zu kommerziellen Zwecken bekannt wurden, gründete sich die "Bewegung der von der Raumfahrtbasis Betroffenen" MABE. Die Bürgerinitiative will weiteren Vertreibungen vorbeugen, Entschädigungen für die bereits umgesiedelten Familien erkämpfen und die Lebenssituation in der äußerst ärmlichen Region verbessern. In den fünf Jahren ihrer Existenz hat die Bewegung viel erreicht. Mit Unterstützung der ASW baute sie ein Büro mit festen AnsprechpartnerInnen auf. Viermal im Jahr führt sie in den infrastrukturell schlecht angebundenen Dörfern Seminare durch, die den BewohnerInnen Gelegenheit geben, sich selbst zu organisieren. Schnell erkannte MABE, dass auch überregionale Präsenz in politischen Diskussions- und Entscheidungsforen notwendig ist, um wahrnehmbare Verbesserungen zu erzielen. Auf dem Parkett bundesstaatlicher Regierungspolitik erstreitet MABE inzwischen selbstbewusst öffentliche Investitionen für die bislang vernachlässigte Region. So bildet das Umweltministerium 40 "Umweltmultiplikatoren" aus, denen im Rahmen des wachsenden Ökotourismus eine neue Einkommensquelle eröffnet werden soll. Ein weiteres Projekt untersucht, wie bestehende Formen nachhaltigen Wirtschaftens verbessert werden können. Hier mischt MABE aktiv mit, indem es sich Hilfe von den ASW-Projektpartnerinnen der Nussknackerinnen-Vereinigung MICQB holt. Deren Produktion von Naturölen aus der Babaçu-Nuss ist ein regionales Erfolgsbeispiel für neue, innovative Formen nachhaltiger Sammelwirtschaft geworden.
Auch von anderen Nichtregierungs-Organisationen erhält MABE wichtige Unterstützung. Mit der quilombola-Vereinigung ACONERUQ entwickelt sich aktuell eine Kooperation für ein Beratungsprojekt, das den Rechtsstatus der Bevölkerung verbessern soll. Bislang sind nur wenige quilombolas in Alcântara in Besitz offizieller Ausweispapiere. Dadurch ist ihnen z.B. das Recht auf Landtitel oder eine Lohnsteuerkarte verwehrt - sie bleiben StaatsbürgerInnen zweiter Klasse.

 

…..und kämpft weiter

Die zivilgesellschaftliche Rückendeckung hat MABE dringend nötig, denn der Wille der brasilianischen Regierung zur kommerziellen Nutzung Alcântaras ist ungebremst. Seit Mitte 2005 versucht die nationale Raumfahrtbehörde, die Erweiterung der Raumfahrtbasis um drei weitere Abschussrampen und dazu gehörige Areale mit Lagerhallen durchzusetzen. Grund dafür ist nicht zuletzt das große internationale Interesse an Alcântara, dessen geographische Lage zwei Breitengrade südlich des Äquators Treibstoffeinsparungen beim Satellitenabschuss um bis zu 30% ermöglicht - mehr als im US-amerikanischen Cape Canaveral oder im kasachischen Baikonur.
Die Lage verschärfte sich im Sommer 2006 mit der Präsentation eines Vorschlags zur Vergrößerung des Raumfahrtsgeländes. Dabei wurde 65 Familien aus dem Dorf Pepital kurzfristig das Ackerland entzogen, und ihr Zugang zum Meer sollte von Genehmigungen durch die Raumfahrtbehörde abhängig gemacht werden. Die ebenfalls anwesende Agrarbehörde INCRA kündigte zudem an, weniger von dem bereits enteignetem Land an die quilombolas zurück zu geben, als vorgesehen. Das von MABE veranschlagte Gebiet war in Gefahr!

Doch nach 20 Jahren Erfahrung mit Zwangsumsiedlungen und dank der Vernetzungsarbeit von MABE wehrten sich die Betroffenen diesmal. Der Vorsitzende der AnwohnerInnenvereinigung der bedrohten Gemeinde Itapera weiß: "Wenn wir hier weggehen, dann leiden wir, und die Leute in den agrovilas auch. Die kaufen unsere Produkte, weil sie selbst nichts mehr anbauen können. Hier geht´s uns gut. Wir überleben vom Fischfang und pflanzen Maniok, Mais, Bohnen, Melone. Und nun wollen sie uns von hier wegbringen und an schlammigen Flussläufen ansiedeln." Gemeinsam mit MABE verweigerten die AnliegerInnen in einem Protestbrief ihre Zustimmung zu den Expansionsplänen, solange sie keine Aufschlüsselung bezüglich der konkreten Auswirkungen sowie Zugeständnisse bei den Entschädigungen für schon geschehene Umsiedlungen beinhalten. Ferner beklagten sie darin die willkürlichen Festnahmen und Vertreibungen von quilombolas vom Raumfahrtgelände, während sie auf ihren Feldern arbeiten oder Sammelwirtschaft betreiben.

Die darauf folgende Reaktion der nationalen Raumfahrtbehörde und anderer ihr zur Seite stehender Regierungsorgane zeugt von der Doppelbödigkeit, welche den offiziellen Umgang der Regierung mit den Ansprüchen der quilombolas von Alcântara prägt. Unter Rückgriff auf Naturschutzvorschriften wurden die Festnahmen und Vertreibungen für legal erklärt. Zugunsten eines "Naturschutzes ohne den Menschen" wurden damit paradoxerweise 200 Jahre alte Formen nachhaltigen Zusammenlebens der lokalen Bevölkerung mit den natürlichen Ressourcen der Region ausgeblendet.

 

Kleine Etappensiege machen Hoffnung

Mit Unterstützung von MABE und der nationalen Menschenrechtsorganisation Rede Social de Justica de Direitos Humanos gingen die bedrohten AnwohnerInnen im September 2006 schließlich vor die Justiz. Dort beantragten sie die Erlaubnis zur Rückkehr der Familien aus Pepital auf ihre Äcker und die definitive Überschreibung des quilombo-Gebiets. Die Schiedsspruch des Richters fiel positiv aus: sein Erlass sieht die endgültige Demarkierung und Übertragung des Lands durch die zuständige Agrarbehörde INCRA sowie die Gründung einer kollektiven Landverwaltung vor. Ausdrücklich verwahrt er sich gegen eine Verknüpfung jeglicher Raumfahrtpläne mit der endgültigen Überschreibung des quilombo-Lands.

Auch wenn die geplante Erweiterung vorläufig gestoppt wurde, ist das Problem der Einrichtung weiterer Abschussrampen nicht endgültig vom Tisch. Die brasilianische Regierung hat bereits millionenschwere Verträge mit den USA und der Ukraine abgeschlossen, weitere Abkommen stehen vor der Tür. Die Frage der Entschädigungszahlungen für bereits vertriebene Familien bleibt ungelöst. Inzwischen etabliert, wird MABE auch in Zukunft eine wichtige Rolle als Interessenvertretung der Lokalbevölkerung einnehmen müssen. Schon jetzt ist die Bewegung maßgeblich an den aktuellen Prozessen zur Einrichtung einer partizipativ ausgelegten quilombo-Selbstverwaltung sowie der gemeinschaftlichen Entwicklung nachhaltiger Nutzungspläne für das künftige Land beteiligt.

Damit MABE auch weiterhin die quilombola-Bevölkerung auf Alcântara zur Umsetzung ihrer Rechte unterstützen kann, bitten wir um Ihre Unterstützung.

Kennwort: Perspektivenfonds Brasilien
Kenn-Nr.: 6001

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

IBAN: DE69100205000001250700
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER

 

   

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