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Aktionsgemeinschaft
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Projektinfo 203 / Brasilien
"Wir haben unseren Protest bis in das brasilianische Parlament getragen" berichtet Sandra aus Bairro Novo. Gemeinsam mit 300 anderen Babaçu-Nussknackerinnen hat sie im Juli 2007 im Abgeordnetenhaus einen Forderungskatalog für Naturschutz und soziale Gerechtigkeit präsentiert. Das Ziel der Frauen ist die Verabschiedung eines Gesetzes, das ihnen freien Zugang zu den Babaçu-Palmen garantiert und die Zerstörung der Bäume unter Strafe stellt. "Wir wissen, dass im Amazonasgebiet jedes Jahr 24.000 km² Babaçu-Palmenwald zerstört werden. Das ist nicht nur ein Umweltverbrechen, es zerstört auch unsere Lebensgrundlage", beklagt Dáda Sousa Chagas, Präsidentin des Netzwerks der Babaçu-Nussknackerinnen.
1990 haben sich die ersten Frauen, die vom Sammeln und der Weiterverarbeitung der Palmnuss Babaçu leben, zum MIQCB (Movimento Interestadual das Queibradeiras de Coco Babaçu, Überregionale Bewegung der Babaçu-Nussknackerinnen) zusammengeschlossen. Über 300.000 Menschen in vier brasilianischen Bundesstaaten leben von der Palmfrucht. Die ASW unterstützt das MIQCB seit 2003, insbesondere in der Siedlung Bairro Novo in der Region Baixada Maranhense, die eine der ärmsten Gegenden in ganz Brasilien ist.
In Bairro Novo haben in den letzten Jahren 150 Frauen mit ungeheurem Engagement die Voraussetzungen für eine Fabrik geschaffen, die Öle, Seifen und Waschpulver produzieren wird. Dazu brauchte es neben Spenden vor allem viel Geduld für unzählige kleine Schritte und einen gemeinsamen Planungsprozess. Denn am liebsten wollten alle 150 Frauen in der Fabrik arbeiten. Schließlich vereinbarten sie, dass nicht nur die 15 Frauen in der direkten Produktion, sondern alle Queibradeiras an der Herstellung beteiligt sind und entsprechend entlohnt werden: Das Sammeln und Aufschlagen der Babaçu-Nüsse erfolgt kollektiv und für jeden Liter Babaçu-Öl erhält jede Einzelne einen festen Preis.
Aktuell finden Seminare zum Kooperativenaufbau statt sowie Austauschtreffen mit MIQCB-Frauen aus anderen Regionen, in denen bereits Seife hergestellt und verkauft wird. Außerdem lernen die Nussknackerinnen Seife anzurühren, zu formen, zu schneiden, mit Essenzen zu parfümieren und zu verpacken. Hinzu kommen Qualitätstests, die offizielle Eintragung einer Marke, die Abnahme des Gebäudes durch die Gesundheitsbehörde, der Bau der Fabrik, die Beschaffung zweckmäßiger Maschinen und die Suche nach geeigneten Märkten und Abnehmern. Vor allem der ganze Bereich der Kommerzialisierung wird für die Frauen noch eine ganze Weile Neuland bleiben.
Erschwert wird die Inbetriebnahme der kleinen Fabrik durch die politischen Verhältnisse in der Region: Denn die entscheidungsbefugten Landräte sind alle - mit Ausnahme der Quebradeira Nice, die das Seifenfabrikprojekt initiierte - Großgrundbesitzer, die überwiegend in der Landeshauptstadt São Luis leben und dort ihren politischen Einfluss geltend machen. Dies erklärt, warum die Frauen in Bairro Novo zwischenzeitlich ein Jahr lang auf eine Baugenehmigung warten mussten und fast ein weiteres Jahr auf die nötige Stromversorgung der Fabrikmaschinen. Doch nach fünf Jahren Planung ist das Ziel in Sicht: Die Seifenherstellung in größeren Mengen kann in Kürze beginnen. Es fehlt lediglich der Anschluß der frisch gelegten dreiphasigen Stromleitung an das Grundstück der MIQCB-Fabrik.
"Babaçu ist unser Leben" oder "Babaçu hat meine
Kinder groß gezogen" - diese und ähnliche Äußerungen
zeigen, wie tief die Nussknackerinnen mit "ihrer Palme" verbunden
sind. An einigen Orten gelten die Babaçu-Nüsse sogar als Währung:
Das Netzwerk MIQCB hat eigene Babaçu-Annahmestellen, sogenannte Cantinas,
aufgebaut, in denen Babaçu gegen Kaffee, Schulhefte oder Kleidung getauscht
werden kann.
Und die Queibradeiras sind auch ein bisschen stolz, dass ihre Palme von kommerziellen
Anbietern nicht so leicht zu knacken ist: Babaçu-Palmen sind für
den Plantagenanbau ungeeignet, denn sie lassen sich nicht "seriell"
durch Schütteln oder das Abschlagen der Nüsse abernten. Um die Palme
zu erhalten, müssen der richtige Zeitpunkt abgewartet und die Nüsse
aufgesammelt werden. Und die Nuss selbst eignet sich nicht für das maschinelle
Nussknacken, denn dabei kommt eine klebrige Masse heraus, die nur als Tierfutter
verwendbar ist. So sorgt die Palme dafür, dass das Handwerk der Nussknackerinnen
nicht so leicht zu ersetzen ist.
Gäbe es nicht den Ressourcenhunger der Metallindustrie und der Viehzüchter
in der Region, so könnte die Babaçu-Sammelwirtschaft ein Zukunftsmodell
für angepasste Landwirtschaft sein. Aber die Metallindustrie hat einen
großen Bedarf an Brennstoff und lässt die Nüsse massenhaft
abschlagen, um sie unverarbeitet zu Holzkohle zu verbrennen. Danach tragen
die Palmen keine Nüsse mehr.
Den Viehzüchtern ist der Erhalt der Palmen ein Dorn im Auge, weil sie
die Sümpfe Maranhãos trockenlegen und als Weideland nutzen wollen.
Die 180.000 Hektar Babaçu-Wald, von dem die Existenz von rund 300.000
Menschen in den Bundesstaaten Maranhão, Piauí, Pará und
Tocantins abhängt, werden ständig reduziert: Babaçu-Palmen
werden von den Viehzüchtern großflächig gerodet, abgebrannt
und die Setzlinge gezielt vergiftet.
Gegen die Zerstörung des Waldes und die Gefährdung ihrer Existenz protestieren die Nussknackerinnen seit Jahren mit verschiedenen Mitteln. Als Sammelwirtschafterinnen erhielten sie nach der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 das Zugangsrecht zu den Palmen, selbst wenn es sich um eingezäuntes Privatgelände handelt. Privater Landbesitz ist in der Region ohnehin häufig ehemaliges öffentliches Land, das auf fragwürdige Weise privatisiert wurde. Für die ökologisch wertvollen Feuchtgebiete, wie die Enseada da Mata, hat das MIQCB vor mehreren Jahren die Umwandlung in ein Schutzgebiet mit Sammelerlaubnis (Resex) beantragt. Doch trotz des Besuches im brasilianischen Abgeordnetenhaus wurde das Zugangsrecht der Queibradeiras zu den Palmen noch immer nicht gesetzlich gesichert und die Resex bisher nicht eingerichtet. Aber die Nussknackerinnen kämpfen weiter - und wenn sie noch einmal bis nach Brasília marschieren müssen.
Tragen Sie mit Ihrer Spende dazu bei, dass das MIQCB sich auch weiterhin für Umwelt und soziale Gerechtigkeit stark machen kann.
| Kennwort: Frauenfonds Brasilien Kenn-Nr.: 6002 Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt | |
| Bank für Sozialwirtschaft | |
| Kto. 1250700 BLZ 10020500
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IBAN: DE69100205000001250700 BIC/SWIFT: BFSWDE33BER
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