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Aktionsgemeinschaft
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Als ich im Oktober 2008 im Dürregebiet des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco unterwegs bin, ist es schwer zu sagen, wie es um den Hunger der Bevölkerung bestellt ist. 2008 hat es im Sertão viel geregnet. Vor ein paar Jahren standen im Oktober – nach neun Monaten ohne Regen - überall Bettler an den Durchgangsstraßen. In den Versammlungen der Landarbeiterinnengewerkschaft MMTR (Movimento de Mulheres Trabalhadoras Rurais) herrschte damals Niedergeschlagenheit und einzelne Frauen schilderten verzweifelt die Not der Dürre: „Zuerst müssen wir das Vieh laufen lassen, für das wir so lange gespart haben, weil wir es nicht tränken können. Und zuletzt trinken wir Menschen auch den reinsten Schlamm“, klagte damals Maria Socorro aus Flores.
Beim aktuellen Besuch wird deutlich, wie vielfältig die Realitäten der Frauen aus dem Sertão sind: Wo die einen erste Erfolge in der Vermarktung erzielen können, fehlt den anderen das Nötigste, um über das Jahr zu kommen. Entsprechend vielfältig gestalten sich auch die aus ASW-Spenden finanzierten Maßnahmen. Regentonnen, Zement zum Bau kleiner Dämme und Handkarren stehen ebenso auf den Listen, die die Versammlungen zusammengestellt haben, wie Gießkannen, kleine Pumpen oder Ziegen und Hühner.
Pretinha ist guter Dinge. Strahlend präsentiert sie ihr eigenhändig ohne Pestizide gezogenes Gemüse. Gemeinsam mit anderen Frauen des MMTR verkauft sie seit einiger Zeit Biogemüse an eigenen Ständen auf dem Wochenmarkt von Santa Cruz. Im Vergleich zu den überbordenden, bunten Marktständen mit konventionellen Produkten, liegt bei den MMTR-Bäuerinnen wenig Ware aus und es gibt nur saisonales Gemüse. Aber ihre Stände sollen mittags auch leer sein, denn die Produzentinnen wollen nichts zurück nach Hause schleppen.
“Unser Gemüse schmeckt viel besser” lacht Arlinda, die ebenfalls sehr zufrieden ist, dass hier nun Woche um Woche Salat, Gurken, Auberginen, Eier, Zwiebeln, Bananen, Paprika, Kürbis, Maniok und Orangen in Bioqualität verkauft werden. Um die 80 Reais (rund 30 Euro) kann jede Frau durchschnittlich am Markttag verdienen; möglichst einmal im Monat verkaufen sie hier.
“Heute morgen hatten wir 70 Eier in dieser Schüssel, jetzt sind fast alle weg. Die Leute wissen, dass wir Qualität bieten” stimmt auch Benedita zu. Trotzdem war es sehr mühsam, die Biostände zu etablieren. Es gibt erst wenige Bäuerinnen, die ohne Pestizide anbauen, doch langsam wächst das Bewusstsein für den großen Schaden, den der Einsatz von Agrargiften für Mensch und Natur bringt. Noch öfter höre ich auf dieser Reise, dass meine GesprächspartnerInnen keine Zwiebeln oder Tomaten mehr essen. “Total vergiftet, das Gemüse aus dem São Francisco-Tal”, versichert mir Claudeci beim Mittagessen. Sie muß es wissen. Als eine von zwölf regionalen Koordinatorinnen des MMTR kennt sie die Siedlung “Terra Nova”, deren Bewohnerinnen als Tagelöhner in der agro-industriellen Zwiebel- und Tomatenproduktion arbeiten.
Zusätzlich zum Obst- und Gemüseangebot gibt es auf dem Biomarkt von Santa Cruz noch Honig, Handgemachtes aus Bananenblättern und Rapadura: Süßigkeiten aus Zuckerrohr. Süßspeisen sind Neildas Spezialität. Die sympathische junge Bäuerin zeigt uns, was sie mit Hilfe der Landarbeiterinnengewerkschaft bereits gelernt und erreicht hat: Sie war eine der ersten, die aus ASW-Spenden fünf Küken erhielten. Heute hat sie 25 Hühner, deren Eier ihr einen regelmäßigen Zuverdienst garantieren; zwölf Küken konnte sie bereits an andere Familien weitergeben.
In Santa Cruz da Baixa Verde sieht es heute so aus, als könnten die drängenden Probleme der Dürre und des Hungers bald gelöst werden. Aber diese Region ist durch relativ häufigen Regen privilegiert. Schon am nächsten Morgen bietet sich uns in Mirandiba ein ganz anderes Bild, als wir das kleine Dorf Cachoeirinha („kleiner Wasserfall“) besuchen: nichts als Staub und Hitze, vom Wasserfall keine Spur.
Mit rund 50 Frauen ist das Treffen gut besucht. Meine Fragen werden allerdings viel zurückhaltender beantwortet als in Santa Cruz. Nein, es gibt hier keinen Biomarkt. Es gibt auch keinen Gemüse- oder Obstanbau. Denn die große Mehrheit der anwesenden Frauen hat kein eigenes Land. Sie bauen als Pächterinnen Mais und Bohnen an, die wegen schlechten Saatguts und fehlender Lagerungsmöglichkeiten höchstens für neun Monate reichen. Und von der Ernte muss noch ein Fünftel an den Grundbesitzer gezahlt werden.
Als eine der Frauen erzählt, wie wichtig die aus ASW-Projektgeldern angeschafften Regentonnen sind, frage ich nach Zisternen. Ich glaube mich verhört zu haben, als die Koordinatorin Maria Fátima Pereira erläutert, dass in Cachoeirinha keine Zisternen gebaut werden. Cachoeirinha gilt als urban, da es Wasserleitungen gibt. Aber das Wasser ist stark verschmutzt. Ungeklärt werden Abfälle eines Schlachthauses und einer Autowerkstatt in den Açude Novo, das Wasserreservoir von Cachoeirinha, eingeleitet. “Wir haben hier schon mehrere Stunden die Hauptstraße besetzt, um gegen die Wassersituation zu protestieren. Was sollen wir noch tun, damit wir sauberes Wasser bekommen?” fragt Maria Pereira.
Aber wenigstens die von der Lula-Regierung aufgelegten Sozialprogramme wie Bolsa Família müssen doch die Not in Cachoeirinha lindern helfen, frage ich. Es folgt Zustimmung, dass das Programm eine gute Errungenschaft sei. Allerdings melden sich von den knapp 50 anwesenden Frauen auch drei, die nicht ins Programm aufgenommen wurden. Dazu gehört auch Silvana, Mutter von fünf Kindern, der es nicht gelungen ist, die Zahlungen zu erhalten.
Maria Perreira benennt ein in Brasilien uraltes Problem, das auch das MMTR nicht lösen kann: „Die Landverteilung ist hier so ungerecht. Auf dem Pachtland können wir nur Mais und Bohnen anbauen. Wir dürfen keine Bäume pflanzen, wir haben kein gemeinsames Weideland, wie es hier einst Tradition war, überall sind Zäune und Besitzer.“
Der folgende Tag beginnt in São José do Belmonte: Dona Socorro zeigt ihr kleines Gemüsebeet, eines von vielen auf dem fußballfeldgroßen Stück Land, dessen Pacht sich 10 Familien teilen. Für die 73-jährige Rentnerin war es immer ein Traum, einen eigenen Garten zu haben, der sie das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgt. Die Überschüsse hat sie in der Nachbarschaft verkauft, in der sich schnell herumsprach, dass sich ihr frischer Bio-Koriander viel länger hält als der aus dem Supermarkt.
Doch nach vier Jahren mit guten Erträgen aus dem Gemeinschaftsgarten, geht die Produktion seit 2006 zurück. Einer der Gründe ist eine fehlende Beschattung. Der Landbesitzer erlaubt den Frauen nicht, Bäume zu pflanzen, denn für diese müsste er sie nach einer Kündigung entschädigen. Ein zweiter Grund ist zuwenig Wasser. Zwar gibt es 80 Meter entfernt einen Teich, doch seine Nutzung lässt sich der Landbesitzer bezahlen und dieses Geld können die Frauen zurzeit nicht aufbringen.
Als der Ehemann von Dona Socorro demonstriert, wie sorgfältig sie die vier Gießkannen aus dem Projekt gegen Sonne und Langfinger verstecken, wünscht man ihnen auf der Stelle viel Schatten und eine Pumpe mit Verbindung zum 80 Meter entfernt liegenden Teich …
Auch nach über 20 Jahren beeindruckt mich das Netzwerk MMTR immer wieder durch seine Kreativität. Es ist seine Stärke, dass hier Frauen zusammenarbeiten, die ein Stück eigenes Land haben wie in Santa Cruz, die gemeinschaftlich Gemüsebeete anlegen wie in São José do Belmonte und die sich in Mirandiba, Terra Nova und vielen anderen Gemeinden für elementare Rechte einsetzen.
Damit das MMTR seine erfolgreiche Arbeit fortführen kann, bitten wir Sie um Ihre Spende.
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