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Projektinfo 191 / Brasilien

Letzte Chance für 8,5 Millionen Hektar Regenwaldgebiet "Terra do Meio"

Die Arbeit des Komitees für Nachhaltigkeit Porto de Moz

Per Dekret hat Präsident Lula die Einrichtung von zwei Naturreservaten verfügt - ‚Resex' Riozinho do Anfrísio und Verde para Sempre - die in einem der artenreichsten Gebiete der Erde liegen: Sie befinden sich in der Terra do Meio im östlichen Amazonasbecken im Bundesstaat Pará, zwischen den Flüssen Xingu und Iriri, umgeben von Nationalwäldern und eingetragenem indigenen Land.
RESEX, das sind Reservate, die den ribeirinhos (KleinbäuerInnen aus Flussgemeinden) die nachhaltige Nutzung durch Sammelwirtschaft erlauben, bzw. sie dazu verpflichten. Diese Form des Wirtschaftens umfasst z.B. das Zapfen von Kautschuk aus der Rinde des Gummibaums und das Sammeln der Paranüsse des majestätischen Kastanienbaums. Ferner zählen dazu die Nutzung vitaminhaltiger, nahrhafter Beeren der Açaí-Palme, die Ölgewinnung aus Copaíba- und Andirobasamen sowie das Jagen und Fischen zum Eigenverbrauch.

In Porto de Moz, Holzfällerstützpunkt am Xingu, währt der Kampf gegen die Zerstörung des Regenwaldes bereits seit über 10 Jahren. Um die Resex Verde para Sempre beantragen zu können, mussten die FlussanwohnerInnen Pläne erstellen, die eine nachhaltige Nutzung durch Sammelwirtschaften ausweisen. Mitglieder des Komitees für eine nachhaltige Waldnutzung haben dafür mit finanzieller Unterstützung der ASW 1.700 Familien in 60 Gemeinden zu ihrer Wirtschaftsweise und Lebensgrundlage befragt. Ein mühseliges Unterfangen, denn die kleinen Gemeinden liegen weit verstreut auseinander, die BewohnerInnen sind mehrheitlich Analphabeten und durch die kriminellen Machenschaften, die zur Zerstörung ihrer Lebensräume führen, stark verunsichert. Doch die Erhebung ist eine wichtige Grundlage, um die schonende Waldnutzung, die viel Geduld und Unterstützung erfordert, zu gewährleisten. Es fehlt bisher vor allem an Schulungen für die ribeirinhos sowie an Vermarktungsmöglichkeiten für die gesammelten Nüsse und Früchte. Am dringendsten ist jedoch weiterhin der Schutz vor den Pistolen und Motorsägen der illegal agierenden Landaneigner - der grileiros.

 

Seit über 20 Jahren setzt sich die ASW in Amazonien ein
Unser Einsatz zielte von Anfang an auf die Sicherung der Menschenrechte, auf die Forderung nach einer sofortigen Landreform als auch auf einen umfassenden Umweltschutz. Aus dem Bundesstaat Pará gibt es jedoch selten Positives zu berichten: An die 700 Todesopfer unter den AktivistInnen für eine gerechte Landverteilung sind dort in unserem Förderzeitraum zu beklagen. Zwangsarbeit, Polizeigewalt, klandestine Friedhöfe auf Großfarmen - die Liste der Menschenrechtsverletzungen ist lang. Nur der beharrliche Einsatz von Anwälten kleiner NROs, wie z.B. der SDDH in Marabá*, sorgt dafür, dass allzu skrupellosen Landbesitzern und ihren
pistoleiros - Revolvermännern - überhaupt der Prozess gemacht wird. Verurteilungen sind weiterhin selten, zu mächtig sind die Besitzer riesiger Ländereien, denen die Schützer des Regenwaldes und Verteidiger einer Landreform ein Dorn im Auge sind.
Enteignete unproduktive Ländereien bzw. illegal erworbenes Gemeindeland wurden in Einzelfällen und meist erst nach langem Disput landlosen KleinbäuerInnen zugesprochen. Allerdings nicht ohne Einschüchterung, Schikane oder sogar Mord. Den nötigen Rechtsbeistand, um dies durchzustehen, erhalten die KleinbäuerInnen jedoch nur von international unterstützten NROs. Dass nun in Pará 8,5 Mio Hektar Waldgebiet zumindest unter minimalen Schutz gestellt und zwei so genannte RESEX geschaffen wurden, ist daher ein Riesenerfolg.
* Von 1983 bis 2004 ASW-geförderte Menschenrechtsorganisation

 

 

Untrennbar: Schutz der Natur und Schutz der lokalen Bevölkerung

Maria Creusa vom Komitee für Nachhaltigkeit Porto de Moz fährt zum dritten Mal diese Woche den Acaray-Fluss entlang. Gestern hat sie die Gemeinden "Por Ti Meu Deus" und Itapaiuna besucht, heute kommt São Domingos dran. Den Nutzungsplan auch in Arimum und Joapi zu besprechen wird sie wohl nicht mehr schaffen. Alle ribeirinho-Siedlungen entlang der Flüsse Xingu, Acaray, Jauruçu, Coaty, Aquiqui, Uiui, Peituru und Guajará müssen eigene Vereine gründen und VertreterInnen für die Hauptversammlung der Resex Verde para Sempre benennen. Die Namen der Wohnorte der "traditionellen" Bevölkerung geben Auskunft über die Zusammensetzung der hier lebenden ribeirinhos: Mal sind die Dörfer nach katholischen Schutzheiligen benannt, mal tragen sie indianische Tier- oder Pflanzennamen. Zu den zukünftigen Resex-NutzerInnen gehören die indigenen Völker Xipaia, Parakanã und Kayapo ebenso wie Kautschukzapferfamilien, die als Migranten zur Zeit des 2. Weltkriegs angeheuert wurden. Maria Creusas Großvater Chico war einer dieser Wanderarbeiter, der nach dem Kautschukboom am Rio Xingu geblieben ist.

 

Von Abhängigkeit und Klientelismus zu Demokratie und Mitbestimmung

Maria Creusas Anliegen besteht darin, die BewohnerInnen der Flussgemeinden zur Selbstorganisation zu befähigen. Denn die Wirksamkeit der von ihnen beantragten Schutzzonen hängt maßgeblich davon ab, wie gut sich die dort lebenden ribeirinho-Gemeinden gegen die Zerstörung des Waldes wehren können. Einen Eindruck von ihrer dauerhaften Gefährdung bekamen sie Anfang des Jahres: Die durch anwesende Anhänger der Holzmafia ohnehin angespannte Gründungssitzung der Resex Verde Para Sempre wurde durch die Nachricht über die Ermordung der 74-jährigen Umweltschützerin und Nonne Dorothy Stang vollkommen lahm gelegt. Zwar sind Morde an kritischen AktivistInnen in Pará keine Seltenheit, aber dass selbst diese ältere und landesweit bekannte US-Amerikanerin den kriminellen Machenschaften der Landaneigner zum Opfer fiel, sagt einiges über die Größe der Geschäfte, um die es hier geht.

So beansprucht z.B. C.R. Almeida - bekannt bereits im Zusammenhang mit illegalem Mahagoni-Handel, Sklavenarbeit, und Geldwäscherei - für sich allein ein Gebiet von über 4,7 Millionen (!) Hektar Land, darunter auch die Resex Riozinho do Anfrísio. Obwohl es offensichtlich ist, dass es sich um öffentliches Land handelt, versucht er die Einrichtung der Resex noch gerichtlich abzuwenden.
Den ribeirinhos verbietet er nach wie vor die Sammelwirtschaft sowie das Fischen und Jagen, stellt Schilder auf, die ihn als Besitzer ausweisen und rüstet die lokale Polizei komplett mit Fahrzeugen, Booten und Satellitentelefonen aus. Im Gegenzug verhaftet diese ribeirinhos, "die die Ordnung stören", und schützt die Ländereien der C.R. Almeida-Firma Incenxil. Hinter den jüngsten Vertreibungen von ribeirinho-Familien, deren Häuser und Ernte niedergebrannt wurden, wird ebenfalls der Almeida-Clan vermutet. Sein Argument, die Resex würde die Wirtschaft und Entwicklung lähmen, fällt in dieser Gegend, wo ärztliche Versorgung, Schulen und soziale Einrichtungen schmerzlich vermisst werden, jedoch auf fruchtbaren Boden. Denn eigentlich staatliche Aufgaben werden hier punktuell von Landbesitzern übernommen. So bezahlte Incenxil z.B.ein paar Monate Unterricht für die Kinder aus zwei Gemeinden am Iriri.

 

Kettenglied in der Regenwaldzerstörung: Sojaexport und Massentierhaltung

Ursache für die Brutalität, mit der die Terra do Meio derzeit "umkämpft" wird, ist die Asphaltierung einer strategischen Verbindung zwischen der Transamazônica und dem neu ausgebauten Soja-Hafen Santarém, die die Exportkosten der Bohnen senken soll. Die Produktion und der Export von Soja boomen, seitdem die Pflanze als Futtermittel in der Massentierhaltung eingesetzt wird. Untersuchungen gehen davon aus, dass in den nächsten 10-15 Jahren rund 22 Millionen Hektar ursprüngliche Wälder und Savannen für den Sojaanbau zerstört werden.

Nur die Umwandlung in Schutzgebiete und die Förderung der nachhaltigen Nutzung - orientiert an den jahrhundertealten Techniken indigener Völker - kann die Terra do Meio retten. Umso erfreulicher ist es, dass allen Einschüchterungsversuchen zum Trotz, das Beispiel der jüngst eingerichteten Resex Verde para Sempre und Riozinho do Anfrísio schon jetzt Schule macht: Die Beantragung von zwei weiteren Resex am Fluss Iriri mit einer Größe von je 600.000 Hektar ist in Vorbereitung. In São Sebastião am Iriri wurden von 84 Familien bereits 48 in Elendsviertel am Rande der Holzfällerstadt "São Félix do Xingu" bzw. nach Altamira vertrieben. Ihnen und den verbliebenen BewohnerInnen eröffnen die neuen Resex wieder eine Perspektive. Neben dem Prozess der Selbstorganisation fördert die ASW auch die Anschaffung eines Bootes, das als eigenes Transportmittel später zum Warentausch eingesetzt werden kann.

Bitte helfen Sie mit, dieses ökologisch und sozial so wichtige Projekt der ribeirinhos mit Ihrer Spende zu unterstützen.

Kennwort: Umweltfonds Brasilien
Kenn-Nr.: 6003

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

IBAN: DE69100205000001250700
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER

 


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