Kinderarbeit in Indien

Christina Klug

Kinderarbeit ist in Indien kein Tabuthema. Fast täglich berichtet die indische Presse über die Ausmaße wirtschaftlicher Ausbeutung von Kindern. Die Liste der Verstöße gegen das offizielle Verbot von Kinderarbeit, wie es im Child Labour Prohibition and Regulation Act von 1986 festgeschrieben wurde, ist lang, das Gesetz wird allenfalls halbherzig durchgesetzt.
Öffentliche Anhörung am Tag der Menschenrechte 2001: Kampagne gegen Kinderarbeit, Andhra PradeshArmut gilt als Hauptursache für Kinderarbeit und ist gleichzeitig eine ihrer Folgen. Denn die wenigsten arbeitenden Kinder finden noch Zeit für die Schule. Ohne eine einheitliche Regelung der Schulpflicht, weit reichende Bildungsreformen und Aufklärungsarbeit für die Ärmsten der Bevölkerung scheint sich dieser Teufelskreis nicht durchbrechen zu lassen.

 

Zahlen und Fakten

Indien ist voller Gegensätze. Armut und Reichtum, Tradition und Moderne, Emanzipation und Diskriminierung sind die Extreme, zwischen denen sich das südasiatische Land bewegt. Als so genanntes Schwellenland verfügt Indien über das Know-how und die Ressourcen zum Bau von Atombomben und gibt jährlich mehrere Milliarden Dollar zu Rüstungszwecken aus. In der IT-Branche steht Indien mit an der Weltspitze und entsendet Spezialisten ins Ausland. Vor allem aber ist Indien ein Land, in dem etwa ein Drittel der Menschen an oder unterhalb der Armutsgrenze lebt und rund 48 Prozent aller Inder über 5 Jahre weder lesen noch schreiben können. Rund 70-80 Millionen Kinderarbeiter gehen nicht zur Schule, weil sie für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen müssen. Fehlende Bildungsreformen und weit gehende Straffreiheit für die Ausbeutung von Kindern haben Indien die höchste Kinderarbeitsquote der Welt beschert. Tendenz steigend.

Sie arbeiten als Hausmädchen, werden als Prostituierte verschleppt, sammeln Müll, verdingen sich in der Teppich- und Textilindustrie, arbeiten in den Fabriken der Streichholz- und Feuerwerksherstellung. Die Arbeitsbedingungen sind denkbar schlecht. Oft müssen die Kinder bis zu 14 Stunden in einer gesundheitsschädlichen und gefährlichen Umgebung schuften, um einen minimalen Lohn nach Hause zu bringen. Die gesundheitlichen Folgen reichen von Rückgradverkrümmungen durch zu schweres Heben und gebücktes Sitzen über Lungenkrankheiten, hervorgerufen durch Staub und Flusen, bis zu Infektionskrankheiten und Ekzemen, die sich die Kinder z.B. bei der Arbeit auf Müllkippen zuziehen. Hinzu kommt, dass ein Großteil der auf dem Land lebenden Kinder früh von den Eltern getrennt wird, weil in den Großstädten und Ballungszentren Indiens die Aussicht auf Arbeit höher ist. Die Hoffnungen vieler Eltern, die sich eine bessere Zukunft für ihre Kinder wünschen und nicht selten auf die Versprechungen der Arbeitsvermittler, sie würden die Kinder zur Schule schicken, hereinfallen, werden meist enttäuscht.

 

Geschäft Kinderhandel

Die Situation auf dem Land, wo die meisten Kinder Indiens (90 Prozent) arbeiten, gestaltet sich nicht besser. Im Gegenteil, denn hier hat sich eine Art von Kinderhandel etabliert. Die Rede ist von Schuldknechtschaft, die hauptsächlich Dalit ("Kastenlose"), Adivasi (Indigene) und Angehörige niederer Kasten betrifft. Die Armut zwingt die Menschen, ihre Kinder gegen eine Kreditsumme dem Arbeitgeber zu entleihen. Von diesem Zeitpunkt an sind die Kinder das Sicherheitspfand für das entliehene Geld. Die 6- bis 12-jährigen müssen dafür im Haushalt, auf den Feldern, beim Vieh oder in Fabriken für einen Hungerlohn arbeiten. Meist sind die Eltern nicht einmal in der Lage, die Zinsen für den Kredit zurückzuzahlen. Die Kinder werden dann, so ab dem 12. Lebensjahr, wenn sie als vollwertige Arbeiter gelten, an andere "Eigner" weitergereicht. Nicht selten werden so die Schulden und die Knechtschaft an die nächste Generation weitervererbt. Das Geschäft mit der Armut floriert trotz gesetzlichem Verbot von Schuldknechtschaft. Das Gesetz zum Schutz der Dalit und Adivasi vor Gewalt und Misshandlungen (1989) verbietet ausdrücklich die Ausbeutung dieser Bevölkerungsgruppen. Die Realität liefert ein anderes Bild, was darauf schließen lässt, dass die Behörden vor Ort die gesetzlichen Bestimmungen geflissentlich übergehen.

Soweit die Situation. Welche Auswege sind denkbar? Zweifellos sind Armutsbekämpfung und die Strafverfolgung von Arbeitgebern, die Kinder ausbeuten, wichtige Schritte. Und die Kinder müssen die Möglichkeit zum Schulbesuch haben. Dafür ist eine Bildungsreform, die die Kinder der unteren Gesellschaftsschichten besonders fördert, dringend nötig. Aber auch ihre Eltern müssen umdenken: viele sehen keine Veranlassung ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil sie darin keinen Nutzen erkennen können. Zudem erschweren traditionelle patriarchalische Denkmuster den Emanzipationsprozess. Besonders die indischen Frauen bekommen dies ein Leben lang zu spüren.

 

Schicksal Mädchen

Noch heute ist die Geburt eines Mädchens in Indien, zumindest in den benachteiligten Bevölkerungsschichten, kein Freudentag. Der Grund dafür ist so einfach wie erschütternd: Mädchen sind in der indischen Gesellschaft weniger wert als männliche Nachkommen. Mädchen werden häufiger abgetrieben oder nach der Geburt getötet, ihre Sterblichkeitsrate vor dem fünften Geburtstag liegt um 43 Prozent höher als die der Jungen. Mädchen werden nicht so lange gestillt, bekommen weniger und schlechtere Nahrung, und im Krankheitsfalle ist die Wahrscheinlichkeit einer ärztlichen Untersuchung gering. Vom frühstmöglichen Zeitpunkt an beginnt das Arbeitsleben, das einen Schulbesuch gar nicht erst vorsieht oder diesen frühzeitig abbricht. Statistiken verzeichnen bei Mädchen die höchste Abbrecherquote. So verwundert es kaum, dass die Analfabetenrate der Frauen etwa 60 Prozent und damit doppelt so viel wie bei Männern beträgt.

Die Mädchen sind oft einer doppelten Arbeitsbelastung ausgeliefert. Im Haushalt tragen sie die gleiche Verantwortung wie Erwachsene. Wasser und Brennholz holen, kochen, putzen, die Geschwister versorgen usw. stellt neben der Lohnarbeit den Arbeitsalltag vieler Mädchen dar. Verschiedene NGO berichten zudem, dass immer mehr Mädchen in die Städte geschickt werden, um sich als Hausarbeiterin zu verdingen. In Indien gibt es heute kaum noch mittelständische Familien, die sich nicht den "Luxus" einer Hausangestellten leisten. Neben der harten Arbeit und einer Unterkunft in der Besenkammer oder sonstigen Verschlägen im Haus sind Misshandlungen und sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung. Außerdem sind die Mädchen hier besonders gefährdet, in die Hände des organisierten Kinderhandels zu fallen und zur Prostitution gezwungen zu werden. Der sozial niedrige Status in einer patriarchalisch dominierten Gesellschaft unterbindet jegliche Entwicklung weiblichen Selbstbewusstseins und nur die wenigsten Mädchen haben die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben.

 

Schule contra Diskriminierung

Der Schnitt durch die indische Gesellschaft, der arm von reich trennt, macht sich nicht zuletzt am Schulsystem bemerkbar. Qualitativ unterscheidet sich das Bildungssystem kaum von dem einer westlichen Nation. Der Besuch staatlicher Schulen ist gebührenfrei, und private Schulen stellen Stipendien für die sozial benachteiligten Kinder zur Verfügung. Bezahlt werden müssen also vor allem die Unterrichtsmaterialien, Uniformen oder Fahrgeld, sieht man von dem ausgebliebenen Lohn durch die Arbeit der Kinder ab.

Aber viele Familien können auch dieses Geld nicht aufbringen, und es gibt es eine Reihe weiterer Gründe, warum die Kinder den Schulen fern bleiben. Oft ist der Unterricht langweilig und lebensfern und wenig auf die Bedürfnisse des lokalen Arbeitsmarktes ausgerichtet. Einem akuten Lehrermangel, denn die Dorfschulposten sind wenig beliebt, steht schlecht ausgebildetes und überlastetes Personal gegenüber. Auf einen Lehrer kommen deshalb mitunter vier Klassen mit bis zu 60 Schülern pro Klasse. Außerdem sind die Schulen weit vom Dorf entfernt und häufiger Unterrichtsausfall deshalb ein Grund mehr zu Hause zu bleiben. Hinzu kommt, dass Diskriminierung und Gewalt gegen Adivasi oder unterkastige Mitschüler selbst durch die Lehrer die Abbrecherquoten stets steigen lassen. Was unter diesen Voraussetzungen bleibt, ist Resignation und das Gefühl der Chancenlosigkeit.

Dass Bildung ein Weg aus der Diskriminierung sein und das Selbstbewusstsein stärken kann, ist den Eltern unter diesen Umständen schwer zu vermitteln. Ohne die ernsthafte Intervention des Staates, der ein einheitliches und strengeres Schulgesetz schaffen und durchsetzen und die Nutznießer der Kinderarbeit verfolgen und bestrafen müsste, wird sich die Situation kaum verbessern. Kinderarbeit ist ein rentables, aber einseitiges Geschäft. Doch für die breite Masse der indischen Bevölkerung ist die stets greifbare Hand der Landlords und Arbeitsvermittler oft näher als der Blick in eine ferne und ungewisse Zukunft.

 


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