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Aktionsgemeinschaft
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„Wir stehen historisch an einem wichtigen Punkt. Es entscheidet sich jetzt, ob diese Welt eine durchindustrialisiert Landwirtschaft bekommt oder ob es uns gelingt, eine bäuerliche Landwirtschaft als Zukunftsmodell durchzusetzen. Angesichts der Macht der Agrokonzerne bekommt der bäuerliche Widerstand weltweit eine neue Bedeutung. Menschen aus verschieden Teilen der Welt rücken zusammen, um gemeinsam zu handeln.“ Georg Janßen, Geschäftsführer der AbL
Am 6. Oktober 2010 richtete die ASW zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) eine Fachtagung aus. In fünf thematischen Podien – Lokales Saatgut in den Händen von BäuerInnen im Senegal und in Indien - Aktuelle Reformpläne der Europäischen Union zur Saatgutgesetzgebung - Der Streit um Patente auf Pflanzen sowie um Nachbaugebühren beim Saatgut - Züchtungsfortschritt geht auch ohne Nachbaugebühren - Kann Gentechnik die Nahrungskrise stoppen? ging es um das Saatgut und um das Bestreben der Agrokonzerne, sich dieses Erbe der Menschheit anzueignen. Überall in der Welt hat sich hierzu bäuerlicher Widerstand formiert. Saatgut ist neben Land die zweite Säule bäuerlicher Souveränität.
60 Menschen – unter ihnen auch Vertreter der bäuerlichen Opposition in Deutschland - waren gekommen, um die Berichte von BäuerInnen aus Süd und Nord und von Fachleuten zu hören und um sich auszutauschen. Sie nahmen, wie sie uns zurückmeldeten, sachliche Infos, aber vor allem Hoffnung, gute Laune und die Kraft, weiterzukämpfen, mit nach Hause. Wir, die MitarbeiterInnen der ASW, sehen uns darin bestärkt, dass es sich lohnt, unsere PartnerInnen aus dem Süden mit aktiven Bauern in Deutschland zusammenzubringen und damit zu der notwendigen Vernetzung von Nord und Süd beizutragen.
Im Folgenden dokumentieren wir Vorträge und Diskussionen in Auszügen.
„Wir wollen die Freiheit haben, zu bestimmen, was wir produzieren und was wir essen. Daher brauchen wir unsere eigenen Pflanzensorten.“ Dies war das zentrale Statement von Lamine Biaye von der „Senegalesischen Vereinigung der Produzenten bäuerlichen Saatguts“ (ASPSP).
Im ersten Podium zur Bedeutung Bedeutung lokalen Saatguts in den Händen von Bäuerinnen und Bauern berichteten er und Pramila Panda von der „Frauenorganisation für ländliche Entwicklung“ (WORD) in Indien über ihr Engagement für die Souveränität der Bauern vor Ort und gegen die Macht der Agrokonzerne. Beide ASW-Partner unterstützen Bauern und Bäuerinnen bei der Bewahrung und Pflege alter lokaler Kulturpflanzen. So werden sie unabhängig von lokalen Agrarhändlern, die kostspielige Hybridsorten vertreiben und dazu gleich die benötigten Düngemittel und Pestizide.
Insbesondere Afrika ist zurzeit im Visier der großen Agrofirmen. Die haben sich mit der Bill-Gates-Stiftung zur „Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika“ (AGRA) zusammengetan, um die kleinbäuerliche Landwirtschaft des Kontinents noch weiter für den Absatz von Dünger, Pestiziden und modernem Saatgut zu erschließen. Geplant ist ein kontinentweites Netz von lokalen Agrarhändlern. „Bisher wurde Afrika vernachlässigt, jetzt wird es benutzt“, sagte Lamine Biaye. „Wir müssen jetzt entscheiden, ob wir dagegen ankämpfen. Wenn wir aufgeben, werden wir unser Land verlieren.“
Regionale Bündnisse haben schon einiges erreicht. Die Bauern von ASPSP tauschen sich mit anderen Bauern aus Westafrika regelmäßig über Saatgut aus und gehen auch zusammen auf die Straße. Zum Beispiel gegen transgene Ackerpflanzen, die in Burkina Faso bereits kommerziell angebaut werden und die Senegals Bauern vor allem über den Import dubiosen Saatgutes bedrohen. „Immer mehr Männer und Frauen unseres Kontinents schließen sich zusammen, um für unsere Zukunft zu streiten“, so Lamine Biaye.
In Indien, wo bereits in den 60er Jahren eine „Grüne Revolution“ stattfand, haben die Agrokonzerne mit Unterstützung der Regierung ihr Hybridsaatgut und ihre Agrarchemikalien längst an die Bauern gebracht und dabei Millionen von ihnen in den Ruin getrieben. Aber noch immer ködern lokale Saatgutverkaufsstellen die Bauern mit falschen Versprechungen. Die Antwort der „Frauenorganisation für ländliche Entwicklung“ (WORD) in Orissa ist Aufklärungsarbeit und Aufbau von Saatgutbanken mit den Samen lokaler und robuster Pflanzensorten. „Die Bauern und Bäuerinnen erkennen, dass lokale Reissorten, Hülsenfrüchte und Gemüse langfristig stabilere Erträge bringen“, so Pramila Panda, Gründerin von WORD. „Wir sind stolz darauf, dass unserer Frauen mit anderen Reissorten und einer anderen Anbaumethode jetzt den doppelten Ertrag erzielen.“
Kämpferisch gaben sich nicht nur die
beiden VertreterInnen des Südens. „Dass
der Strukturwandel in Richtung industrielle Landwirtschaft so weitergeht,
werden wir nicht hinnehmen“, sagte Georg
Janßen von der ABL im Namen der Vielen, die für eine bäuerliche
Landwirtschaft eintreten.
Zuvor hatte Hermann Freudenstein vom
Bundessortenamt (BSA) das zweite
Podium der Tagung eröffnet und über den aktuellen Stand der Reformpläne der
Europäischen Kommission referiert, die seit 2008 das EU- Saatgutverkehrsrecht
überarbeitet.
Ziel der Reformen ist, im Saatgutrecht Bürokratie abzubauen und die Gesetze zu
vereinheitlichen. Noch werden in Brüssel verschiedene Optionen diskutiert, aber
einige Weichenstellungen seien wahrscheinlich, so Freudenstein. Der Staat werde
sich mehr zurückziehen und die Saatgutwirtschaft bei Sortenprüfung und Zertifizierung
mehr Verantwortung übernehmen. Außerdem werde die Bedeutung des Schutzes
geistigen Eigentums zunehmen - der Trend zu Biopatenten sei nicht aufzuhalten:
“Ob wir es gut finden oder nicht: diese Entwicklungen werden sich fortsetzen.“
Diese Einschätzung des einzigen Vertreters einer staatlichen Einrichtung auf
der Tagung wurde heftig kritisiert. „Wenn künftig die Wertprüfung einer Sorte
nicht mehr von neutraler Seite erfolgt, sondern von Züchterseite, dann kann man
sie ganz sein lassen“, sagte Klaus
Buschmeier von der IG Nachbau**.
Wie weit der Trend zu Biopatenten in Europa schon gediehen ist, erläuterte im dritten thematischen Podium Dr. Ruth Tippe von der Organisation ‚Kein Patent auf Leben’.
Mit dem Sortenschutz haben die Pflanzenzuchtunternehmen bereits Macht über die Bauern, die für den Nachbau*** einer Sorte seit Ende der 90er Jahre eine Gebühr bezahlen müssen.
Patente sind ein noch stärkeres Instrument: Sie begründen für den Patentinhaber einen Eigentumsanspruch auf Gene oder ganze Pflanzen.
Dem Europäischen Patentübereinkommen (EPÜ) zufolge dürfen nur gentechnisch veränderte Pflanzen patentiert werden. Konventionelle Pflanzensorten, Tierrassen und biologische Züchtungsverfahren sind nicht patentierbar. Dennoch hat das Europäische Patentamt (EPA) Patente auf solche Pflanzen und Tiere erteilt, zum Beispiel auf eine konventionelle Brokkolisorte im Jahr 2002 und auf eine Sonnenblume und daraus hergestellte Produkte 2004.
Solche Entscheidungen haben eine klare Signalwirkung, wie Tippe belegte. Seit Anfang des Jahrzehnts ist eine klare Steigerung bei Anträgen auf Patente für konventionelle Pflanzen zu erkennen. „Warum sollen Züchter heute noch Sorten anmelden, wenn sie wissen, dass sie Patente erhalten können und damit viel weitergehende Verfügungsrechte?“ fragte Tippe.
Dass der immer weitergehende Zugriff der Konzerne auf das genetische Erbe der Welt nicht hingenommen wird, kündigten die Teilnehmerinnen des Schlusspodiums an. In Deutschland setzen sich zivilgesellschaftlichen Organisationen aktuell dafür ein, dass Saatgut zu hundert Prozent frei von Verunreinigungen durch transgene Pflanzen bleibt. „Bei der Nulltoleranzregel dürfen wir keine Kompromisse machen, sagte Annemarie Volling von der Koordinierung und Beratung der Gentechnikfreien Regionen.
Ute Sprenger, Autorin zahlreicher Studien zu Gentechnik, begründete, warum Gentechnik nicht zur Lösung des Hungerproblems beiträgt: „Die weltweit am häufigsten angebauten transgenen Pflanzen sind cash crops und nicht solche, die vor Ort den Hunger beseitigen können.“ Es handele sich um die Futterpflanzen Soja und Mais sowie um Baumwolle und Raps. Auch sind mit den USA, Argentinien, Kanada, Brasilien und Indien deren Hauptanbauländer entweder Industrieländer oder exportorientierte Schwellenländer.
Analysiere man außerdem die Forschung und die Entwicklungsvorhaben der Konzerne, stelle man fest, dass vorwiegend an solchen Pflanzen gearbeitet wird, die einen ökonomischen Nutzen bringen und nicht an solchen, die z.B. für Nischenregionen in Afrika geeignet sind. „Die Frage ‚Kann Gentechnik die Nahrungskrise stoppen?’ ist damit eigentlich schon beantwortet“, stellte Sprenger fest.
Auch Lamine Biaye hält die Behauptung, Gentechnik könne in Afrika den Hunger bekämpfen, für realitätsfern. „Wir in Afrika können uns das Risiko Gensaatgut oder Hybridsaatgut nicht leisten. Sobald es klimatische Veränderungen gibt, geht die Produktion zurück. Wir müssen daher unsere viel besser angepassten Sorten nutzen, um die Ernährungssouveränität zu garantieren. Afrika wird sich selbst ernähren, aus eigener Kraft. Dafür gehen die Menschen auf die Straße. In Teilen des Senegal haben wir die Ernährungssouveränität bereits hergestellt.“
Isabel Armbrust
* Alte Bauernregel
** Interessengemeinschaft gegen die Nachbaugebühren und Nachbaugesetze.
***Seit einer Reform des deutschen Sortenschutzgesetzes 1997 sind Bauern verpflichtet, für den Nachbau geschützter Pflanzensorten eine Gebühr an die Saatgut-Treuhandverwaltung der Pflanzenzüchter (STV) zu entrichten. Damit wurde das Landwirteprivileg aufgehoben, demzufolge ein Bauer von der eigenen Ernte Saatgut zurückhalten darf, um es im kommenden Jahr auszusäen.
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