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In der von Marokko besetzten Westsahara eskaliert die Lage. Am 8. November 2010 hat die marokkanische Armee ein Protestcamp in der Wüste mit über 20.000 Menschen brutal geräumt und dabei mindestens 12 Sahrauis getötet. Danach haben auch in der Hauptstadt Al Ayoun zahlreiche Sahrauis heftig protestiert. Und die Proteste gehen weiter.
Wir sprachen mit Jamal Zakari, dem Vertreter der Frente POLISARIO in Deutschland, über die aktuelle Lage. Die Organisation kämpft seit 1973 gegen die Besetzung der Westsahara und seit dem Waffenstillstand mit Marokko 1991 für eine Umsetzung des UN-Friedensplans für die Region.
Jamal Zakari: Der Status Quo, die koloniale Situation ist unerträglich geworden. Seit 20 Jahren warten die Menschen auf das Referendum, zu dessen Durchführung die UNO-Mission MINURSO im Land ist. Aber die MINURSO ist untätig und kümmert sich um nichts, auch nicht um die alltäglichen Menschenrechtsverletzungen. Das Referendum hätte eigentlich im Februar 1992 stattfinden sollen.
Außerdem werden die Menschen im Leben, in der Wirtschaft extrem diskriminiert. Sie haben diesen Reichtum an Bodenschätzen in ihrem Land und profitieren davon überhaupt nicht. Marokko sagt immer: Die Menschen in den besetzen Gebieten der Westsahara leben im Paradies, den Flüchtlingen geht es schlechter. Die jüngsten Ereignisse haben genau das Gegenteil gezeigt.
Protest auf den Straßen hat es schon oft gegeben. Die Menschen haben gewaltfrei demonstriert, sie haben nicht einmal Steine geworfen. Dennoch war die Antwort der marokkanischen Sicherheitskräfte immer blutig – Folter, Gefängnis - auch für Jugendliche. Jetzt sagten sich die Leute: wenn wir unsere Protestcamps dort aufbauen, wo es nur Sand und Steine gibt, können die Marokkaner uns nicht vorwerfen, dass wir den öffentlichen Frieden stören oder dass wir etwas kaputt machen. Leider ist diese Rechnung nicht aufgegangen und Marokko hat brutaler reagiert als jemals zuvor. Mindestens 36 Menschen haben sie getötet, mindestens 700 teilweise schwer verletzt und 165 verhaftet.
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Seit 35 Jahren leben rund 400.000 Sahrauis - Menschen aus der Westsahara - in einem menschenunwürdigen Provisorium. Die eine Hälfte von ihnen wartet in Flüchtlingslagern auf algerischem Territorium auf eine bessere Zukunft, die andere Hälfte versucht, in dem von Marokko besetzten Teil der Westsahara ihr Leben zu organisieren. Dort sind sie gegenüber den marokkanischen Neusiedlern stark benachteiligt und schweren Menschenrechtsverletzungen durch die Besatzungsmacht ausgesetzt. Am 8. November 2010 wurden 12 Menschen von marokkanischen Sicherheitskräften getötet, als diese ein Protestcamp mit über 20.000 Sahrauis nahe der Hauptstadt Al Ayoun gewaltsam räumten. Danach kamen bei Protesten in Al Ayoun weitere Menschen ums Leben, die Polisario berichtet von mindestens 36 Toten. Der Traum aller Sahrauis ist ein eigenständiger Staat ‚Westsahara’, den allerdings die Besatzungsmacht Marokko bis heute mit allen Mitteln verhindert. 1991, nach einem Waffenstillstand zwischen Marokko und der sahrauischen Unabhängigkeitsbewegung, sollten die Menschen per Referendum über ihre Zukunft entscheiden. Marokko blockierte die von der UNO bereits vorbereitete Abstimmung und verhindert bis heute jede Lösung nach den Regeln des Völkerrechts. |
Frankreichs Beziehungen zu Marokko sind mehr als eng. Frankreich signalisiert der Regierung in Rabat grundsätzlich: ‚Ihr dürft machen, was ihr wollt’.
Im April 2010 stimmte der UN-Sicherheitsrat darüber ab, ob die MINURSO, die bislang nur den Waffenstillstand beobachten und das Referendum durchführen sollte, auch ein Mandat zur Beobachtung der Menschenrechtslage erhalten soll. Frankreich hat gegen die 14 anderen Mitglieder gestimmt und mit seinem Veto dieses erweiterte Mandat blockiert.
Und auch jetzt, nach dem kriminellen Vorgehen Marokkos, hat Frankreich die Einsetzung einer UN-Untersuchungskommission mit seinem Veto verhindert.
Außerdem arbeitet Frankreich - neben Spanien - daran, dass das aus völkerrechtlicher Sicht illegale Fischereiabkommen zwischen der EU und Marokko Anfang 2011 verlängert wird.
Die Frauen sind immer an der Spitze der Straßenproteste gewesen, und auch jetzt bei den aktuellen Protesten sind sie dabei. Unter den zahlreichen Verletzten waren sehr viele Frauen.
Insgesamt hat Marokko die Rechte der Frauen eingeschränkt. Wenn eine Frau zum Beispiel einen Pass beantragen will, braucht sie die Unterschrift ihres Ehemannes. Das ist bei uns in den Lagern undenkbar. In unserer beduinischen Kultur haben die Frauen immer viel Verantwortung gehabt. Die Männer waren Reisende, auf der Suche nach Nahrung fürs Vieh. Die Frauen mussten vor Ort alle Aufgaben übernehmen. Sie waren nie ins Haus eingesperrt. Auch Zwangsehen gibt es bei uns nicht.
In den Flüchtlingslagern haben vor allem die Frauen die Strukturen aufgebaut, weil anfangs die Männer ja noch an der Front kämpften. Das Resultat ist, dass in den lokalen Behörden fast ausschließlich Frauen sitzen. In unserem Parlament haben wir 43 Prozent Frauen.
Ich habe auch immer vermutet, dass es da bereits einen Mentalitätsunterschied gibt. Denn Marokko hat von Anbeginn versucht, unsere Kultur auszulöschen. Kinder aus dem besetzten Gebiet wurden in Kinderheime nach Marokko gebracht. Marokko hat Französisch zur Amtssprache gemacht, ansonsten wird der marokkanische Dialekt gesprochen.
Dennoch ist es nicht gelungen, die Sahrauis zu Marokkanern zu machen. Manche Menschen sprechen demonstrativ Spanisch, die Sprache der alten Kolonialmacht bis 1975, um ihre Ablehnung der marokkanischen Herrschaft zu zeigen. Radio und Theater in unserer Sprache – dem Hassania – gibt es nicht, aber trotzdem sprechen die Menschen Hassania.
Junge Leute, die nie Kontakt zur Polisario hatten, gehen jetzt auf die Straße und protestieren.
Die Menschen sind tief enttäuscht von der internationalen Gemeinschaft. Wenn aber selbst der UN-Sicherheitsrat nach dem Massaker durch Marokko nichts für die Sahrauis tun kann und sich von Frankreich blockieren lässt, dann ist die Perspektive schwarz. Die UNO hat damit ihren letzten Kredit bei den Menschen verspielt. Seit dem Massaker gehen täglich Tausende von Sahrauis – auch in den Flüchtlingslagern - auf die Straße und fordern von der sahrauischen Führung, dass sie den Waffenstillstand kündigt.
Die ASW war eine der ersten Nichtregierungsorganisationen, die uns unterstützten. Die ASW gibt mit ihrer Arbeit in den Flüchtlingslagern vor allem den Jugendlichen eine Perspektive. Das ist wichtig in einer Situation, in der alle leicht resignieren. Gesundheit und Bildung sind für uns Sahrauis ganz zentral. Es gibt bei uns in den Flüchtlingslagern kein Kind, das keinen Platz in einer Schule bekommt. Bildung und Gesundheit sind die Grundlagen für die Zukunft. Wenn die ASW zusätzliche Bildungsangebote für Jugendliche finanziert, dann tut sie etwas für unsere Zukunft und zugleich etwas für die Gegenwart, indem sie die Jugendlichen aus dem Grau ihres Wüstenalltages holt.
Unsere Situation muss bekannt werden, das Thema muss in die Zeitungen gebracht werden. Denn unsere Menschen denken, sie sind mitten in der Wüste von der Welt vergessen worden. Jeder und jede Organisation kann überlegen, ob sie nicht eine Veranstaltung organisieren, Artikel in die Presse bringen oder etwas auf die Homepage stellen kann.
Natürlich sind auch materielle Hilfen willkommen, Krankenhausausstattung, Schulmaterial. Ganz wichtig sind Stipendien. Aber am dringlichsten ist für uns mehr Aufmerksamkeit für die Lage der Sahrauis.
Das Interview führte Isabel Armbrust am 17.11.2010 in Berlin.
Die Arbeit der ASW in der WestsaharaDie ASW unterstützt die Menschen in den Flüchtlingslagern in Algerien und schafft vor allem für die Jugendlichen mit Bildungs- und Freizeitangeboten Perspektiven. Mit einer regelmäßigen Berichterstattung lenken wir zudem Aufmerksamkeit auf die Lage der Menschen der Westsahara.Für unsere Jugendarbeit in den Flüchtlingslagern bitten wir Sie um Unterstützung.Kennwort: Perspektivenfonds
Afrika
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