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Projektinfo 194 / Indien

Wald- und Artenschutz auch gegen das Forstdepartment

Die Frauen von WORD in Orissa sind mutig geworden

Gelb, orange und rot leuchten die Saris der Frauen, die uns am Eingang des Dorfes Gokinutpur empfangen. Auch die Landschaft zeigt diese Farbtöne, ergänzt durch das in dieser Jahreszeit noch üppige Grün der Bäume und Büsche. Über vier Stunden sind wir von der Kreishauptstadt mit dem Auto angereist, immer tiefer in den Wald hinein. Die letzten beiden Stunden hatten es in sich. Auf diesem Wegabschnitt ragen aus der Schotteroberfläche der Straße Asphaltreste, was das Geholpere nur noch schlimmer macht.
Die Frauen führen uns in einen kleinen Anbau, wo Frau Pundia Muhinda stolz die hiesige Saatgutbank präsentiert. In unzähligen Töpfen sammelt und verwaltet sie die unterschiedlichsten Saaten. "Wir haben festgestellt, dass es immer wieder stark variiert, welches Saatgut die Leute wollen und welches nicht. Mit dieser Auswahl können wir alles was nötig ist anbauen und noch einen guten Profit für die Familien des Saatgut-Sanghams (Saatgutgruppe) erwirtschaften."

 

Saatgutbank stoppt den Ausverkauf von Vielfalt

Und wirklich ist die Saatgutbank des Dorfes in der Region sehr gefragt. Als Konsequenz der Grünen Revolution und der von der Regierung propagierten modernen Anbaumethoden werden auch hier nur noch wenige Getreidetypen genutzt, kaum mehr als fünf verschiedene Sorten sind auf den überregionalen Märkten zu finden. Entsprechend groß ist die Abhängigkeit vieler Bauern von den nationalen und internationalen Ernteerträgen.
Andere, weit zurückgezogen im Wald lebenden Gruppen haben sich ihre Unabhängigkeit ein Stück weit bewahrt. Noch heute verwenden sie bis zu 46 verschiedene Getreidesamen und Saaten, um Krankheiten und Schädlingen vorzubeugen und über ein möglichst vielfältiges und damit nährstoffreiches Nahrungsangebot zu verfügen.
Die Frauen im Dorf Gokinutpur haben auch an ihrem nicht ganz so entlegenen Ort begonnen diese Vielfalt wiederherzustellen. Neben den üblichen Getreiden wie Reis und Weizen haben sie zahlreiche Hirsesorten, Gemüse, Obst und Nusssamen im Speicher. Jede Familie, die eine bestimmte Menge Samen einbringt, kann die gleiche Menge entnehmen oder gegen andere Sorten tauschen. Wer mehr möchte muss dazu zahlen. Wenn alle Dorffamilien zufrieden gestellt sind, können auch Anfragen aus anderen Dörfern berücksichtigt werden. Über die Vergabe und die Preise entscheiden die Frauen des Saatgut-Sanghams.
"Erst diskutieren wir es in der Gruppe", sagt Frau Ushavati Mohantu, "besprechen es dann aber auch mit unseren Männern und kommen so meist zu einem gemeinsamen Entschluss. Weil wir mit unseren Saaten so erfolgreich sind, versuchen jetzt auch viele andere Dörfer, sich an uns ein Beispiel zu nehmen."
Es fällt auf, wie selbstbewusst und kooperativ heute die Frauen ihre Sache vertreten. Vor vier Jahren war es WORD zwar gelungen die Adivasi-Frauen zu Selbsthilfegruppen zusammenzubringen und damit verschiedene Probleme anzugehen (siehe Projektinfo 179). Aber bei Treffen wagten nur einzelne das Wort zu ergreifen und suchten den Schutz der Gruppe. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben die Frauen geschult. Heute sind sie einfach präsent und treten sicher auf.

 

Schonende Waldnutzung gegen korrupte Forstbeamte

Eigenes Land haben die meisten Familien kaum. Seit Urzeiten leben sie vom Anbau im Wald und dessen Früchten. Dafür nutzen sie wechselnd kleinere Waldstücke um ihre Saaten auszubringen. Dieses Jahrhunderte alte System versuchen die Forstbeamten zu unterbinden, vorgeblich zum Zwecke des Waldschutzes. Für die Menschen hier ist das ein Hohn. "Das Forstdepartment ist doch nur dafür da, um uns zu behindern", sagen sie. Tatsächlich sind viele korrupte Forstbeamte in illegalen Holzhandel verstrickt. Für flächendeckende Holzeinschläge machen sie dann einfach die Adivasi verantwortlich, die normalerweise nur dünneres Holz für den Eigenverbrauch nutzen.

Den Waldschutz haben die Familien schon längst in die eigene Hand genommen und können ihn heute effektiv durchsetzen, oft auch gegen die Forstbeamten. Diverse Nusssorten können sie nun im Wald ernten und das Holz der Bäume ist vielfältig nutzbar. Ein wichtiges Waldprodukt ist auch die Frucht des Mahuva-Baumes, die Ende März reift. Mahuvafrüchte sind Rohstoff für die Herstellung eines beliebten Alkoholgetränkes. Früher konnten die Frauen warten, bis die Früchte am Baum trockneten, sie einsammeln und verkaufen oder selber zu Alkohol verarbeiten. Heute ist die Alkoholherstellung ein Staatsmonopol, der Staat und lizensierte Händler kaufen bei den Adivasi und privaten Sammlern die Früchte auf. Unzählige Menschen von außerhalb dringen daher zur Erntezeit in das Adivasi-Schutzgebiet ein, um die Früchte zu sammeln. Die Forstbeamten lassen sich auch hier gerne zum Nichthingucken bestechen.
Weil der Marktpreis in der Erntezeit extrem niedrig ist, haben die Frauen nach einer einträglicheren Lösung gesucht. Statt die Früchte im Rohzustand bei Beamten abzuliefern, die immer wieder versuchen, die festgesetzten Beträge zu unterlaufen, trocknen sie sie nun selber und verkaufen sie ein paar Wochen später gemeinsam in der Stadt zu einem deutlich höheren Preis. Statt drei Rupien für einen Korb erhalten sie so zehn bis zwölf. Eine Rupie geht davon in die Kasse der Frauengruppe und jede beteiligte Familie konnte so in den letzten Jahren bis zu 3.000 Rupien pro Familie zusätzlich erwirtschaften.

 

Pramila und ihre erfolgreichen Schwestern

Bei der Stärkung der Frauen ist deutlich der Einfluss von Pramila Panda, der Leiterin von WORD zu spüren. Vor 15 Jahren war sie auf eigene Faust in die Region gekommen, um sich besonders für die Frauen hier einzusetzen. Ohne finanzielle Unterstützung begann sie hier ihre Arbeit. Es waren die Frauen in den Dörfern, die ihr - zum Teil ohne Wissen der Männer - dafür Essen und Unterkunft gaben. Heute sehen sich die Frauen als Schwestern, die gemeinsam aber eigenständig für ihre Dörfer und Familien entscheiden. Nicht immer ist Pramila mit den Entscheidungen einverstanden. "Es sind ihre Entscheidungen" sagt sie und hält sich damit an das, was Partizipation meint. Deutlich machen dies auch die Schilder, die in jedem Dorf an einem Baum hängen. Für jedeN sichtbar wird hier genau aufgeschlüsselt, für welche Menschen welche Gelder bereitgestellt und welche Erfolge damit errungen wurden. Auch wird informiert über den Stand der Geldrückzahlungen und der Landverteilungprozesse. Gleich daneben hebt sich ein kleiner Hügel mit einem Stock darin. Es handelt sich um eine Bioschnellkomposter. Durch den Zusatz von Kuhdung, Kalk und diversen organischen Waldprodukten entsteht innerhalb von wenigen Tagen ein starker Dünger, der in konzentrierter Form sogar als Pestizid verwendet werden kann. Ein neben dem Hügel aufgestelltes Schild erklärt, welche Mengen dieses Modellkompostes bereits auf die umliegenden Felder ausgebracht wurden. Sogar mit der Forstbehörde legen sich heute die Frauen an. Mit einem Kredit aus Japan soll die Forstbehörde reorganisiert werden. Da die Landesregieung von Orissa in jüngster Zeit über 34 Verträge mit ressourcen-ausbeutenden internationalen Firmen geschlossen hat, ist zu befürchten, dass es bei dieser Umstrukturierung weniger um das Wohl des Waldes und seiner BewohnerInnen geht, sondern um eine reibungslose Ausbeutung der Adivasigebiete. Derzeit versuche sie genauere Informationen über die geplante Neustrukturierung zu erhalten, sagt Pramila Panda, damit sie und andere NGOs in Orissa frühzeitig Einfluss nehmen können. Mit der Rückendeckung von Pramila haben die Frauen von Gokinutpur auch dafür gesorgt, dass in ihrem Dorf ein dezentrales Gemeinderatssystem entstand - so wie es die vor 20 Jahren in Indien eingeführte kommunale Selbstverwaltung eigentlich vorsieht. Sie konnten eine Schule eröffnen, in der eine Frau aus dem Dorf regelmäßig und vor allem für die Kinder verständlich unterrichtet. Immer wieder waren Kinder bei schlechten Wegverhältnissen auf dem Schulweg verunglückt. Auch für einige von ihnen bereits lange bewirtschaftete Landstücke konnten sie die Landtitel erhalten, nachdem der Bestechungsgelder verlangende Vermessungsbeamte durch öffentliche Proteste und Berichte in der Presse ausgeschaltet werden konnte. Trotz der sich verändernden Umweltbedingungen meistern die Frauen heute ihre Situation. "Es reicht nicht um reich zu werden", sagt Frau Pundia Muhinda, "aber wir können so überleben und sogar unsere Kinder zur Schule schicken. Vor allem sind wir uns der Unterstützung der anderen sicher, falls es uns einmal wirklich schlecht geht und wir nicht genug zum Essen haben." Ein Problem ist jedoch neu entstanden: Immer mehr umliegende Dörfer beschweren sich, dass WORD nicht bei Ihnen arbeitet und die so offensichtlich hilfreiche Unterstützung leistet. Die Frauen sagen ihnen dann, dass sie selber sich dafür einsetzen müssen. Aber bis zu diesem Verständnis ist es auch hier noch ein langer Weg. Wir wollen die Menschen in der Region von WORD weiter unterstützen....

 

Kennwort: Frauenfonds Indien
Kenn-Nr.: 9090

Bankverbindung: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt     
Bank für Sozialwirtschaft
Kto. 1250700
BLZ 10020500

 

IBAN: DE69100205000001250700
BIC/SWIFT: BFSWDE33BER

 


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