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Weltsozialforum in Dakar: Chance für afrikanische Vernetzungen

„Wir haben erfahren, wie viele Gruppen allein in Afrika zu denselben Themen arbeiten wie wir", sagte unser Partner Lamine Biaye von ASPSP, der ‚Senegalesischen Vereinigung der Produzenten bäuerlichen Saatgutes’. ASPSP war mit einem großen Stand und mit 10 Reisbäuerinnen aus der Casamance auf dem Campus der Cheikh Anta Diop Univerität (UCAD) präsent. Dort zeigte die Organisation u.a. die Samen zahlreicher alter Kulturpflanzen, die sich in verschiedenen Regionen Westafrikas besonders gut bewährt haben.

Fischer fordern andere Welt der Fischerei. Foto:ASWASPSP-Koordinator Biaye nutzte das Angebot der Workshops, die in Uni-Räumen und in Zelten stattfanden, um sich anregen zu lassen und um neue Kontakte zu knüpfen. An einigen der thematischen Veranstaltungen war er inhaltlich oder als Moderator direkt beteiligt. Am vierten Tag des Forums kam ein Treffen von ASPSP mit anderen afrikanischen Gruppen zustande.

Landgrabbing, Ernährungssouveränität, Gender und Migration waren die prominentesten Themen der geschätzten 1200 Workshops, die an den fünf Tagen des Forums stattfanden. Es sind die Themen, die die Menschen in Afrika am meisten umtreiben. Am brisantesten ist zurzeit wohl die Aneignung großer Landflächen des Kontinents durch Staaten und Privatunternehmen, die bereits seit einigen Jahren im Gange ist. Dutzende Veranstaltungen von afrikanischen, asiatischen, lateinamerikanischen und europäischen Organisationen informierten über diesen Trend und suchten Lösungen der Gegenwehr.

Das Thema Frauen und Geschlechtergerechtigkeit war ebenfalls stark vertreten. ‚Gender und Ernährungssouveränität’, ‚Frauen und Aids’, ‚ländliche Frauen und Entwicklung’, ‚Erb- und Besitzrecht von Frauen’ waren die Themen einiger überregionaler Workshops. Andere bearbeiteten ganz konkret die Anliegen von Frauen verschiedener afrikanischer Regionen. 

Unsere Partnerorganisation ORGENS zeigte sich als Mitglied des frankophonen Frauennetzwerkes „Réseau Genre en Action“ und mischte bei zahlreichen Workshops und Frauentreffen mit.

ORGENS wie ASPSP bewerteten das Forum als große Chance; insbesondere ASPSP nutzte es zu weiteren Vernetzungen. „Wir haben Bauerngruppen getroffen, die wir vorher nicht kannten und mit denen wir künftig zusammenarbeiten wollen. Gruppen aus Mali und Tschad, aber auch Frauengruppen aus dem Senegal“, sagte Lamine Biaye. Inspirierend sei auch seine Begegnung mit einem Netzwerk lokaler Rundfunkstationen gewesen. Insgesamt zog der ASPSP-Koordinator eine positive Bilanz. „Die Medien waren da und haben ausgiebig berichtet. So hat auch unser Staat mitbekommen, was Bauern und andere Gruppen beschäftigt und was sie zu sagen haben.“

Eine andere Welt ist möglich – ein anderer Umgang mit Müll in Thiès ist möglich

Das große und einigende Motto der globalisierungskritischen Bewegung war von der fast unübersehbaren Zahl afrikanischer Basisinitiativen auf ihre konkrete Arbeit hin heruntergebrochen. „Eine neue Welt der Fischerei ist möglich“, „Eine Welt ohne Grenzen ist möglich“, „Ein Senegal ohne Abdoulaye Wade ist möglich.“ In zahlreichen Varianten war diese andere mögliche Welt auf den Transparenten auf der Eröffnungsdemo und an den rund 100 Infotischen auf dem Unigelände durchbuchstabiert. „Ein anderer Umgang mit Müll in Thiès ist möglich“ war die Parole einer Umweltgruppe aus der zentralsenegalesischen Stadt, deren Freiflächen wie die aller Orte im Senegal von Plastikmüll bedeckt sind.

„So, So, Solidarité, avec le peuple tunisien“

Natürlich strahlten die Revolten in Tunesien und Ägypten auf das Forum aus. Schon die Teilnehmer der Eröffnungsdemo sendeten Solidaritätsadressen an die Menschen der nördlich gelegenen Länder, die sich gegen ihre korrupten Machthaber zur Wehr setzten. Auch bei den Workshops wurde immer wieder ein Bezug zu den friedlichen Revolutionen in Nordafrika hergestellt. Eigene Veranstaltungen zu den Aufständen suchten wir allerdings vergebens. Ein Workshop zum Maghreb war eine Mogelpackung: regierungsnahe „Zivilorganisationen“ aus Marokko erklärten, warum in ihrem Land alles ganz anders sei.

Zahlreiche Marokkaner waren auch bei der Eröffnungsdemo dabei - der grüne marokkanische Stern auf rotem Grund schwebte über einer Gruppe, in deren Mitte folkloristisch gekleidete Menschen Aufmerksamkeit weckten. Das Aufgebot war vom marokkanischen Staat organisiert, um nach Dakar gereisten Sahraouis - Menschen aus der von Marokko besetzten Westsahara –  zumindest zahlenmäßige Überlegenheit entgegenzusetzen.

Der Auftritt der Sahraouis war inhaltlich präziser: Sie machten mit Transparenten auf die fortwährende Repression durch die Besatzungsmacht aufmerksam und forderten von Marokko eine Freilassung ihrer politischen Gefangenen. Am Ende kam es zu Rangeleien zwischen beiden Gruppen. Sicherheitskräfte gingen dazwischen und verhinderten eine Eskalation. Von uns befragt, wen sie vertreten, antworteten die Marokkaner, sie seien alle Vertreter von „Zivilorganisationen“.

Auch ein Mineralölkonzern nutzte das Forum

Die brasilianische Ölfirma Petrobras, die für zahlreiche ökologisch und sozial fragwürdige Großprojekte verantwortlich ist, hatte einen PR-Pavillon direkt vor die Unibibliothek gestellt. Dort informierten großflächige Tafeln über die sozialen Projekte, die der Konzern unterstützt. Mignane Diouf, einer der Organisatoren des WSF, erklärte gegenüber dem Alternativmedium „Flamme d’Afrique“ (09.02.11): "Das brasilianische Unternehmen Petrobras ist ein Teil der brasilianischen Delegation. Die teilnehmenden Länder haben die absolute Freiheit, über die Mitglieder ihrer Delegation zu entscheiden. Sie sind frei Gewerkschaften, Assoziationen, Bewegungen oder andere zu sich zu zählen, wir können ihnen nichts verbieten.“

Das Forum, die Studenten und das Chaos

„Dass das Forum in der Uni stattgefunden hat, ist aus meiner Sicht gut. Jetzt haben auch die Studenten mitbekommen, was die Bauern zu sagen haben“, freute sich unser Partner Lamine Biaye.

Einige Studenten wurden allerdings auch in eigener Sache aktiv. Immer wieder erlebte man spontane Aktionen, bei denen kleine Gruppen von Studenten mit handgemalten Schildern für ein Recht auf Bildung demonstrierten oder für ein anderes Anliegen.

Sogar feindselige Positionen gegenüber dem WSF sollen bei den Studenten vertreten gewesen sein. Die senegalesische Tageszeitung L’Observateur zitiert in ihrer Ausgabe vom 12. 02. 11 einen Aktivisten aus Mali, der Zeuge wurde, wie Studenten Workshopteilnehmer aus einem Uniraum gejagt hätten. Außerdem, so der Aktivist weiter, habe er Studenten gesehen, die auf dem Campus gegen das Forum demonstriert hätten.

Nach allem, was wir erfuhren, scheinen solche Aktionen eher die Ausnahme gewesen zu sein. Fakt war allerdings, dass die Studenten nicht an der Organisation des Forums beteiligt waren.

Das große Chaos bei der Ausrichtung der thematischen Workshops – sie fanden nur selten an den im Programm angegebenen Orten statt – wäre wohl auch bei einer Beteiligung der Studenten nicht ausgeblieben. Der neue Direktor der Universität soll am Eröffnungstag des Forums die meisten der von seinem Vorgänger zugesagten Uni-Räume wieder für den normalen Lehrbetrieb belegt haben. So mussten die Veranstalter improvisieren und die Workshops in Zelte verlegen, die von den Teilnehmern nicht leicht zu finden waren. Außerdem waren die Veranstaltungen akustisch stark beeinträchtigt. Die Stimmen von Referierenden und Diskutanten gingen oft im Musikgedröhne unter, das aus einem Nebenzelt ertönte.

Isabel Armbrust


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